Krebs-Langzeitüberlebende: nicht nur für Onkologen eine zunehmend große Aufgabe

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Viele Tumor-Patienten haben heute eine deutlich bessere Prognose als noch vor 20 oder 30 Jahren. Aber Tumor-Patienten wollen nicht nur überleben, sondern auch leben, und zwar so frei von körperlichen und seelischen Beschwerden wie eben nur möglich. Aufgrund der Erkrankung und auch der jeweiligen Therapien kann es allerdings zu unterschiedlichen Folgeerkrankungen kommen. Dies erfordert eine meist kontinuierliche medizinische Versorgung dieser Patienten, eine wachsende Aufgabe nicht allein für Tumor-Spezialisten, sondern auch für Ärzte in der Primärversorgung. Es gibt zwar spezifische Empfehlungen zur Versorgung dieser Langzeit-Überlebenden, sie basieren aber überwiegend auf Erfahrungen und Experten-Meinungen und noch zu wenig auf evidenzbasiertem Wissen. So existieren nur recht wenige Belege dafür, dass ein Screening auf Metastasen die krebs-bedingte Mortalität reduzieren hilft und die Lebensqualität fördert.

Ein großes Spektrum an Folgeerkrankungen

Die gesundheitlichen Probleme, die Langzeit-Überlebende haben können, hängen unter anderem von der Art ihrer Tumor-Erkrankung und Therapie ab. Ein Beispiel sind bestrahlungsinduzierte Zweit-Tumoren, etwa Brustkrebs, bei Hodgkin-Patienten . Zu den möglichen gesundheitlichen Folgen gehören etwa Osteoporose, Muskel- Abbau, Infertilität, Fatigue, Schlafstörungen, sexuelle Dysfunktion, kognitive Störungen und chronische Schmerzen. Diese wiederum können bei Langzeit-Überlebenden zu einer Opioid-Sucht führen, wie kürzlich die US-Onkologin Dr. Alison Wakoff Loren (Universität von Pennsylvania) im „New England Journal of Medicine“  geschildert hat.

Zu den bekannten Langzeit-Folgen zählen außerdem kardiovaskuläre Erkrankungen, etwa durch Tyrosinkinase-Hemmer. Ihre kardiovaskulären Nebenwirkungen würden allerdings noch immer unterschätzt, schreibt ein Team von Onkologen der Universität von Glasgow im Fachblatt „Heart“ . So komme es bei fast allen Patienten, die einen Tyrosinkinase-Hemmstoff des „Vascular Endothelial Growth Factor“-Rezeptors (VEGFR) erhielten, zu einem akuten Blutdruck-Anstieg; die Mehrheit entwickelt einen Hypertonus. Weitere mögliche kardiale Komplikationen sind eine linksventrikuläre systolische Dysfunktion, Herzinsuffizienz, Myokardischämien und Verlängerung des QT-Intervalls.

Tyrosinkinase-Hemmer sind nicht die einzigen wirksamen Tumor-Mittel, deren Schattenseite das Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen ist. Auch die modernen Immuntherapeutika, die zunehmend an Stellenwert gewinnen, können offenbar das Herz schädigen. Berichtet wurde zum Beispiel über Fälle von Myokarditis, Kardiomyopathie und Myokardfibrose und akutem Herzversagen. 

Kinder mit Krebs: auch eine Risikogruppe für Herzgefäß-Krankheiten

Ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen haben auch Menschen, die als Kinder oder Jugendliche Krebs hatten, wie Mainzer Kinderonkologen um Professor Jörg Faber (Kinderonkologisches Zentrum Mainz) berichtet haben ( „European Heart Journal“ ). Die Autoren ermittelten eine Risikozunahme für Bluthochdruck um 38 Prozent, für Fettstoffwechselstörungen um 26 Prozent. Im Vergleich zur Normalbevölkerung treten diese Risikofaktoren bei den Krebs-Langzeitüberlebenden sechs und acht Jahre früher auf. Eine manifeste kardiovaskuläre Erkrankung hatten 4,5 Prozent der Patienten (in der Mehrzahl bereits im Alter von unter 40 Jahren). Die ermittelte Risikozunahme betrug 89 Prozent. Am häufigsten waren Herzinsuffizienz und venöse Thromboembolien. Bei fast 80 Prozent der Betroffenen (207 von 269)wurden erhöhte Fettwerte erst bei den mit der Studie assoziierten klinischen Untersuchungen festgestellt. Ähnlich war es beim Bluthochdruck gewesen.

Depressionen, Ängste, Sorgen

Patienten, die an einer Tumor erkrankt waren, leiden außerdem nicht selten auch an Depressionen und an der Angst, dass der Tumor wiederkommt; hinzu können auch berufliche sowie finanzielle Sorgen und Probleme kommen. Gerade junge Menschen, die an Krebs erkranken, haben mit einschneidenden seelischen Langzeitfolgen zu kämpfen. Bei der psychoonkologischen Versorgung gibt es allerdings noch Verbesserungsbedarf, wie etwa eine Leipziger Studie innerhalb des Forschungsprojekts „AYA Leipzig“ (AYA = Adolescents and Young Adults) mit über 500 Teilnehmern gezeigt hat. Außerdem: Durch die Krebserkrankung verändern sich Freundschaften und andere wichtige soziale Beziehungen einschneidend. Der Wiedereinstieg in Ausbildung oder Beruf ist eine sehr große Herausforderung für die jungen Patienten. Und schließlich belastet sie die große Angst vor dem Wiederauftreten der Erkrankung. So leidet etwa jeder Zweite der befragten 18- bis 39-Jährigen unter Ängsten. Unzufrieden sind die Betroffenen vor allem mit ihrer beruflichen und finanziellen Situation sowie der eigenen Familienplanung und Sexualität. Zudem fehle vielen Patienten eine altersangemessene Unterstützung. Laut der Studie vermissen die jungen Frauen und Männer außerdem therapeutische Angebote zur Angstbewältigung oder bewegungs- und entspannungstherapeutische Angebote mit gleichaltrigen Krebs-Patienten. 

 „Eine Krebserkrankung kann junge Menschen zwingen, viele noch nicht verwirklichte Lebenspläne ganz und gar zu streichen. Ihre Ausbildung, Karrierevorhaben, Partnerschaft oder auch ihr Kinderwunsch sind davon existenziell beeinflusst“, betont Professor Mathias Freund, Kuratoriumsvorsitzender der Deutschen Stiftung für junge Erwachsene mit Krebs. „In dieser Altersgruppe liegt die Überlebenschance bei über 80 Prozent. Das bedeutet aber auch, dass die jungen Frauen und Männer sehr oft mit Langzeitfolgen der Krebserkrankung und deren intensiven Therapien kämpfen“, so Freund. US-amerikanische Daten zeigten, dass etwa zwei Drittel aller ehemaligen Krebs-Patienten 30 Jahre nach ihrer Behandlung im Kindesalter unter Spätfolgen litten. Für Deutschland gebe es solche Zahlen bislang jedoch nicht, so der Lübecker Pädiater und Onkologe Professor Thorsten Langer und seine Kollegen in einem Beitrag zu den „Spätfolgen von Tumoren im Kindesalter“.
 
Auf Defizite in der psychoonkologischen Versorgung von Krebs-Kranken hat auch das Robert-Koch-Institut  schon hingewiesen. „Trotz bereits bestehender vielfältiger Angebote“ sei „die Psychoonkologie derzeit noch nicht fest in der Regelversorgung Krebskranker verankert“. Etwa jede dritte bis jede zweite an Krebs erkrankte Person äußere das Bedürfnis nach psychischer und sozialer Unterstützung, berichtete das Berliner Institut. Eine bedarfsgerechte psychoonkologische Versorgung sei daher während des gesamten Krankheitsverlaufs, sowohl stationär und ambulant, wichtig. 
 
Auch betroffen: Angehörige und Pflegekräfte

Unter den Folgen der Krebserkrankung und der jeweiligen Therapie können langfristig allerdings nicht nur die Patienten selbst leiden, sondern auch jene Menschen, die sie betreuen, etwa Familienangehörige und Pflegekräfte. Bei ihnen können ähnliche Gesundheitsprobleme auftreten wie bei den Patienten, um die sie sich kümmern, etwa Fatigue, Schlafstörungen, Appetitverlust und Depressionen. Daraus folgt: Auch sie benötigen Unterstützung.