Kontrollierte Studie stützt Antidepressiva-Therapie auch bei mittelschweren Symptomen

  • Lancet Psychiatry

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Von Serotonin-Wiederaufnahmehemmern können auch Patienten in der hausärztlichen Versorgung profitieren, die nur leichte oder mäßig ausgeprägte depressive Symptome haben. 

Hintergrund

Patienten mit Depressionen werden oft von Hausärzten behandelt, überwiegend mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern. Darunter sind auch Patienten, deren Symptome nur leicht bis mäßig ausgeprägt sind. An den meisten Studien mit Antidepressiva nahmen allerdings Patienten aus der psychiatrischen Grundversorgung teil, bei denen Diagnose und Schwere der depressiven Symptome die Kriterien für die Aufnahme in die Studien waren. Die Autoren der folgenden Studie untersuchten daher die klinische Wirksamkeit von Sertralin in der hausärztlichen Grundversorgung bei Patienten mit leichten bis schweren depressiven Symptomen.

Design

Die PANDA-Studie war eine multizentrische, doppelblinde, placebo-kontrollierte, randomisierte Studie mit Patienten aus der Grundversorgung in vier britischen Städten. Eingeschlossen wurden Patienten im Alter von 18 bis 74 Jahren, die in den letzten zwei Jahren Depressionen unterschiedlicher Schweregrade und Dauer hatten und bei denen klinische Unsicherheit über den Nutzen eines Antidepressivums bestand. 

Die Patienten wurden nach dem Zufallsprinzip (1: 1) der Sertralin-Gruppe oder der Placebo-Gruppe zugeteilt. Sie erhielten eine Woche lang täglich eine Kapsel (Sertralin 50 mg oder Placebo zum Einnehmen) und dann bis zu 11 Wochen lang täglich zwei Kapseln. Das primäre Beurteilungskriterium waren depressive Symptome 6 Wochen nach der Randomisierung, gemessen anhand des Patienten-Gesundheits-Fragebogens, 9-Punkte-Version (PHQ-9). Sekundäre Endpunkte nach 2, 6 und 12 Wochen waren depressive Symptome und Remission (PHQ-9 und Beck Depression Inventory-II), generalisierte Angstsymptome (Generalized Anxiety Disorder Assessment, 7-Punkt-Version), psychische und physische gesundheitsbezogene Lebensqualität (12-Punkte-Gesundheitsumfrage (Short-Form Health Survey) und selbst gemeldete Verbesserung. 

Hauptergebnisse

  • Auswertbar waren die Daten von 550 Patienten (266 in der Sertralin-Gruppe und 284 in der Placebo-Gruppe).
  • Es gab keine Hinweise darauf, dass Sertralin innerhalb von sechs Wochen eine klinisch bedeutsame Reduktion der depressiven Symptome bewirkte.
  • Der durchschnittliche 6-wöchige PHQ-9-Score betrug 7,98 (SD 5,63) in der Sertralin-Gruppe und 8,76 (5,86) in der Placebo-Gruppe (bereinigter proportionaler Unterschied 0,95; 95% CI 0,85 –1,07; p = 0,41). 
  • Dagegen gab es bei den sekundären Endpunkte Hinweise darauf, dass Sertralin Angstsymptome gelindert und die psychische (aber nicht die physische) Lebensqualität sowie die psychische Gesundheit verbessert hatte.
  • Schwache Anzeichen gab es zudem dafür, dass depressive Symptome nach 12 Wochen durch Sertralin reduziert waren. 
  • Es gab insgesamt sieben unerwünschte Ereignisse - vier unter Sertralin und drei unter Placebo. Drei unerwünschte Ereignisse wurden als schwerwiegend eingestuft - zwei davon in der Sertralin-Gruppe. Ein schwerwiegendes unerwünschtes Ereignis in der Sertralin-Gruppe wurde als möglicherweise mit der Studienmedikation assoziiert eingestuft.

Klinische Bedeutung

Es ist nach Angaben der Autoren zwar unwahrscheinlich, dass Sertralin die depressiven Symptome innerhalb von 6 Wochen in der Grundversorgung lindert. Die positiven Effekte auf Angstzustände, Lebensqualität und psychische Selbsteinstufung könnten jedoch klinisch relevant sein. Die Ergebnisse der Studie, die nicht von einem pharmazeutischen Unternehmen unterstützt wurde, stützen daher den Autoren zufolge die Verschreibung von SSRI auch bei Patienten mit leichten bis mittelschweren Symptomen, die die diagnostischen Kriterien für eine Depression oder eine generalisierte Angststörung nicht erfüllten. Darüber hinaus spreche die Studie dafür, sich nicht zu sehr auf randomisierte und kontrollierte Arzneimittel-Zulassungsstudien zu verlassen. Notwendig seien auch Post-Marketing-Studien. 

Finanzierung: National Institute for Health Research.