Kompressionstherapie bei Ulcus cruris: zu selten und zu oft fehlerhaft

  • Deutsche Medizinische Wochenschrift

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Es gibt keine Methode der Kompression, die für alle Patienten mit Ulcus cruris und Ödemen medizinisch oder wirtschaftlich sinnvoll ist. Kompressionsverbände mit Kurzzugbinden sind sehr fehleranfällig und zeitaufwendig.  „Neue“ und oft sinnvolle Alternativen sind Mehrkomponentensysteme, adaptive Kompressionsbandagen und Ulkus-Strumpfsysteme. Sie sind leichter anwendbar und weniger fehleranfällig als Kompressionsverbände mit Kurzzugbinden. Bei der Verordnung sollten sowohl die Bedürfnisse und Fähigkeiten der Patienten als auch ökonomische Aspekte bekannt sein und berücksichtigt werden, raten Prof. Dr. med. Joachim Dissemond (Universitätsklinikum Essen) und seine Kollegen in einem aktuellen Beitrag. 

Krankenkassen-Daten offenbaren Unterversorgung

In Deutschland leiden den Autoren zufolge etwa eine Million Menschen unter einem chronischen Ulcus cruris. Für die Kompressionstherapie stünden heute viele verschiedene Materialien zur Verfügung, die unterschiedliche Vor- und Nachteile haben. Doch obgleich die Kompressionstherapie eine sinnvolle und bewährte Therapie sei, zeigten aktuelle Untersuchungen „eine eklatante Unterversorgung“. Laut einer Analyse von Krankenkassen-Daten haben nur knapp 41 Prozent der Patienten mit floridem Ulcus cruris eine Kompressionstherapie verordnet bekommen. Nur 3,1 Prozent dieser Patienten hätten ein Mehrkomponentensystem erhalten. Selbst wenn in Deutschland Patienten mit Ulcus cruris eine Kompressionstherapie erhielten, seien es meist Kompressionsverbände mit Kurzzugbinden. Diese Verbände sind laut Joachim Dissemond jedoch sehr fehleranfällig; für eine korrekte Anlage seien Schulung und praktische Erfahrungen erforderlich. So habe eine Analyse der Druckwerte von Kompressionsverbänden mit Kurzzugbinden, angelegt durch 972 zertifizierte Wundexperten, Druckwerte zwischen sechs und 173 mmHg ergeben. Nur rund 12 Prozent der Probanden habe den optimalen Kompressionsdruck von 50–60 mmHg erreicht. Weniger fehleranfällig seien Mehrkomponentensysteme, also vorgefertigte Bindensysteme aus Polster-, Kompressions- und Fixierbinden. Für die Anlage dieser Systeme seien keine besonderen Kompressionstechniken erforderlich. Ein Grund dafür, dass überwiegend Kurzzugbinden verwendet werden, sollen die Kosten der Mehrkomponentensysteme sein.

Tageskosten - ein paar Bespiele

Joachim Dissemond und seine Kollegen haben daher die Kosten der verschiedenen Therapieoptionen im ambulanten und stationären Sektor untersucht. Für die ökonomischen Berechnungen haben sie sowohl die Material- als auch die Personalkosten für verschiedene Szenarien berücksichtigt. Nach ihren Angaben fallen durch die kontinuierliche Kompressionstherapie im stationären Bereich Kosten von 5,29 Euro bis 18,50 Euro pro Tag an. Für die ambulante Versorgung ermittelten sie Kosten von 2,29 Euro bis 34,29 Euro pro Tag. Hier ein paar konkrete Kostenberechnungen:

  • Kompressionstherapie beider Unterschenkel bei ambulanten Patienten über sechs Monate. Phlebologische Kompressionsverbände mit Kurzzugbinden; Kompressionsverbände werden morgens von einem Pflegedienst angelegt und abends abgenommen. Kosten: 5637,74 € = 31,32 €/Tag; 12-mal Kompressionsset (1166,54 €); 180-mal Pflegedienst Binden, pro 2-mal (4471,20 €). 
  • Phlebologische Kompressionsverbände mit Mehrkomponentensystemen. Wechsel 3-mal/Woche, Pflegedienst notwendig. Kosten: 6171,36 € = 34,29 €/Tag; 156-mal Mehrkomponentensystem (4641,00 €); 78-mal Pflegedienst Binden (1530,36 €). Wechsel 2-mal Woche, Pflegedienst notwendig. Kosten: 4114,24 € = 22,86 €/Tag; 104-mal Mehrkomponentensystem (3094,00 €); 52-mal Pflegedienst Binden (1020,24 €). 

Dissemond und seine Kollegen schlussfolgern aus den Daten, dass sowohl die verschiedenen Materialien als auch die ökonomischen Aspekte der Kompressionstherapie bei Patienten mit Ulcus cruris den Therapeuten bekannt sein sollten. Diese Therapieoptionen sollten dann verordnet und durchgeführt werden, wobei selbstverständlich auch individuelle Faktoren zu berücksichtigen seien.