Kommt im Herbst außer der COVID-Welle auch eine Grippe-Welle?

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Von Michael van den Heuvel 

Deutschland im Frühsommer 2022: Zwar steigen die COVID-19-Inzidenzen wieder leicht an, einen Mund-Nasen-Schutz tragen aber nur noch wenige Menschen. Allenfalls in Krankenhäusern, Pflegeheimen, Arztpraxen oder in Zügen sind Masken noch verpflichtend. Nun häufen sich Berichte über Influenza oder grippale Infekte. Sind dafür die zahlreichen Lockerungen verantwortlich? Oder haben die Lockdowns unser Immunsystem geschwächt? 

Aktuelle Zahlen, auf die Ärzte-Verbände verweisen, kommen von der Arbeitsgemeinschaft Influenza am Robert Koch-Institut in Berlin. Demnach ist die Aktivität akuter Atemwegserkrankungen (ARE) in der 22. Kalenderwoche (KW) im Vergleich zur Vorwoche gestiegen. Im ambulanten Bereich wurden bundesweit mehr Arztbesuche wegen ARE registriert als in der Vorwoche. 

Definition einer Grippewelle war bereits einmal erfüllt

Außerdem wurden von Referenzlaboren in insgesamt 38 (49%) aller 77 eingesandten Sentinelproben respiratorische Viren identifiziert, darunter 14 (18%) Proben mit Rhinoviren, 11 (14%) mit Parainfluenzaviren (PIV), 5 (6%) mit SARS-CoV-2 und jeweils 4 (5%) mit Influenzaviren, humanen saisonalen Coronaviren (hCoV) beziehungsweise humanen Metapneumoviren (hMPV). 

„Zwischen der 17. KW und 20. KW 2022 erreichte die Influenza-Positivenrate im Sentinel eine Höhe, die die Definition einer Grippewelle, die sonst typischerweise im Winter auftritt, erfüllte“, heißt es im Report. Die Influenza-Aktivität sei seit der 21. KW 2022 aber deutlich rückläufig.

Keine flächendeckende Häufung von respiratorischen Erkrankungen

„Aktuell beobachten wir in den Hausarztpraxen keine flächendeckende, auffällige Häufung von respiratorischen Erkrankungen“, sagt ein Sprecher des Deutschen Hausärzteverbandes. „Regional kann sich die Situation unterschiedlich darstellen, sodass die Hausärztinnen und Hausärzte dort besonders viele Patientinnen und Patienten mit entsprechenden Symptomen behandeln.“

Das vermehrte Auftreten respiratorischer Erkrankungen wird in der Öffentlichkeit mitunter darauf zurückgeführt, dass es dem Immunsystem nach 2 Jahren Lockdowns an Training fehle. Aber: „Das Immunsystem ist kein Muskel: Es bildet sich nicht zurück, wenn es nicht oder weniger gebraucht wird“, erklärt Prof. Dr. Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. 

Das Immunsystem arbeitet auch im Lockdown

Watzl zufolge sei das Immunsystem in den letzten zwei Jahren zwar etwas geschont worden. Arbeit habe es aber dennoch verrichtet. „Menschen kommen nicht nur über die Atemwege, sondern auch über die Haut oder die Nahrung mit Krankheitserregern in Kontakt, sodass das Immunsystem anspringt“, erklärt der Experte.

Außerdem, so Watzl, würden Menschen unabhängig von Lockdowns manche Infektionen nur alle 2 bis 3 Jahre durchmachen. Und nicht zuletzt vermuten manche Experten, dass Nicht-Corona-Infektionen in Pandemie-Zeiten subjektiv stärker wahrgenommen werden als zuvor. 

Kinder sind stärker betroffen

Auffällig ist die hohe Rate an ARE speziell bei Kindern und Jugendlichen zwischen 5 und 14 Jahren. Mitte Mai wurden laut RKI in dieser Altersgruppe sogar Influenza-Infektionen häufiger diagnostiziert als SARS-CoV-2-Infektionen. 

Kinder und Jugendliche seien in den vergangenen Jahren der Pandemie durch Lockdowns, Kontaktbeschränkungen und Abstandsregelungen seltener mit verschiedenen Viren in Kontakt gekommen, erklärt PD Dr. Burkhard Rodeck von der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin e.V. (DGKJ). Darin sieht er eine mögliche Erklärung des Trends. 

Warnung vor kombinierter Grippe- und COVID-Welle im Herbst

Bleibt als Fazit: Experten sehen aktuell keine große Bedrohung durch virale Infekte jenseits von SARS-CoV-2. Doch das könnte sich bald ändern. „Die Grippewelle in Australien ist jetzt schon so ausgeprägt wie die letzte starke Welle 2017/18“, warnt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin, Prof. Dr. Christian Karagiannidis. 

„Ohne Maskenschutz und Kontaktbegrenzungen könnte uns eine sehr gefährliche Kombination von COVID und Grippe im Herbst und Winter drohen“, schreibt Bundesgesundheitsminister Prof. Dr. Karl Lauterbach. „Eine erfolgreiche Impfkampagne gegen beides ist daher notwendig. Sie wird aber auch schon vorbereitet.“  

 

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf Medscape.de.