Kognitive Schwächen: Vitamin-B12-Diagnostik sollte Routine sein

  • Nervenarzt

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Vitamin-B12-Mangelzustände wurden signifikant häufiger bei Patienten mit Demenz als bei Patienten mit MCI (mild cognitive impairment) gefunden. Keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich der Häufigkeiten des Vitamin-B12-Mangels gab es hingegen zwischen kognitiv beeinträchtigten Patienten (MCI + Demenz) und kognitiv Gesunden. Bei kognitiv beeinträchtigten Patienten sollte grundsätzlich eine Diagnostik auf Vitamin-B12- und Folsäuremangel erfolgen und eine Substitution erwogen werden. 

Hintergrund

Ein Mangel an Vitamin-B12 und an Folsäure ist mit hämatologischen und auch neuropsychiatrischen Symptomen assoziiert. Vor allem bei alten Menschen wird relativ oft ein Vitamin-B12-Mangel gefunden. Einer der Hauptgründe sind Resorptionsstörungen. Ein Zusammenhang zwischen den Mangelzuständen und kognitiven Störungen bis hin zur Demenz ist bekannt. Um die Bedeutung und Häufigkeit grenzwertiger Vitamin-B12- und Folsäurespiegel sowie von Vitamin-B12- und Folsäuremangelzuständen bei Patienten mit kognitiven Störungen abzubilden, führten die Autoren eine retrospektive Datenanalyse einer naturalistischen Kohorte von 250 Patienten durch, die sich erstmals in einer Gedächtnisambulanz vorstellten. 

Design

Ausgewertet wurden die Daten von 247 Patienten (Durchschnittsalter knapp 71 Jahre). Dabei analysierten die Autoren die Häufigkeiten von Vitamin-B12- und Folsäuremangelzuständen sowie grenzwertiger Vitamin-B12- und Folsäurespiegel und Unterschiede in den absoluten Vitamin-B12- und Folsäurewerten bei kognitiv beeinträchtigten Patienten (MCI + Demenz) im Vergleich zu Gesunden (n = 65) und bei Patienten mit Demenz (n = 79) im Vergleich zu Patienten mit MCI (n = 103).

Hauptergebnisse

  • Beim Vergleich der Häufigkeiten von Vitamin-B12-Mangel bei Patienten mit MCI und Demenz im Vergleich zu Gesunden wurde kein signifikanter Gruppenunterschied gefunden (p = 1,000). Aufgrund einer zu geringen Fallzahl konnte kein entsprechender Vergleich zur Prävalenz eines Folsäuremangels vorgenommen werden.
  • In der Demenz-Gruppe hatten mehr Patienten einen Vitamin-B12-Mangel als in der MCI-Gruppe (p = 0,024). Auch hier war ein entsprechender Vergleich bei einer zu geringen Fallzahl von Patienten mit Folsäuremangel nicht möglich. 
  • Bei der Prävalenz grenzwertiger Vitamin-B12- und Folsäurespiegel gab es zwischen Patienten mit MCI und Demenz einerseits und Gesunden andererseits weder für grenzwertige Folsäurespiegel (p = 1,000) noch für grenzwertige Vitamin-B12-Befunde (p = 1,000) signifikante Unterschiede. Dies galt auch für den Vergleich von Patienten mit Demenz und Patienten mit MCI. 

Klinische Bedeutung

Die Analyse zeigt nach Angaben der Autoren, dass Vitamin-B12-Mangelzustände signifikant häufiger bei Patienten mit Demenz als bei Patienten mit MCI gefunden werden, wohingegen keine signifikanten Unterschiede bei kognitiv beeinträchtigten Patienten (MCI + Demenz) im Vergleich zu Gesunden gesehen wurden. Vitamin-B12- und Folsäuremangelzustände seien häufige, „dyskognitive und behandelbare Veränderungen“, welche bei der diagnostischen Abklärung kognitiver Störungen nicht übersehen werden dürften, so eine Schlussfolgerung. Die dyskognitiven Effekte scheinen unspezifisch und unabhängig von der Ätiologie der kognitiven Defizite zu sein. Insbesondere aufgrund der bei Demenz deutlich reduzierten kognitiven Reserve sei anzunehmen, dass ein Vitamin-B12-Mangel als unspezifisch dyskognitiv wirksamer Faktor schlechter kompensiert werden könne. Vor allem deswegen und auch zur Vorbeugung der möglichen Begleitsymptome sollte nach Vitamin-B12-Mangelzuständen bei Patienten mit kognitiven Beeinträchtigungen gefahndet und möglichst zeitnah eine Substitutionsbehandlung initiiert werden, auch wenn aktuell keine Belege für prokognitive Effekte einer Substitution in dieser Konstellation bestehe. In weiteren Studien sollte daher die Effektivität einer Folsäure- und Vitamin-B12-Substitution bei kognitiv beeinträchtigten Patienten und insbesondere deren Effekt auf die Konversionsraten von MCI zur Demenz untersucht werden.

Finanzierung: keine Angaben