Körperliche Aktivität kann kognitiven Abbau bei genetisch verursachtem Alzheimer bremsen


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Für Menschen mit Morbus Alzheimer infolge einer Genmutation kann körperliche Aktivität von mindestens 150 Minuten in der Woche günstige Auswirkungen auf die Alzheimer-Pathologie im Gehirn haben und den kognitiven Abbau verlangsamen. Möglicherweise trifft dies gleichermaßen auf Menschen mit der häufiger auftretenden sporadischen Form der neurodegenerativen Erkrankung zu.

Hintergrund

"Es gibt mehr und mehr wissenschaftliche Belege für den positiven Einfluss von Lebensstilfaktoren auf die Risikoreduktion oder das Verhindern des Abbaus kognitiver Fähigkeiten und einer Demenzentwicklung“, sagt Dr. Maria C. Carrillo von der Alzheimer’s Association. Dabei ist allerdings zu beachten, dass die Entwicklung von Demenz-Symptomen mehrere Ursachen haben kann. Dazu zählen etwa zerebrovaskuläre Erkrankungen. Dass körperliche Bewegung hier einen Nutzen hat, ist in mehreren Studien belegt worden. Auch Patienten mit neurodegenerativ bedingten Demenz-Krankheiten wie der Alzheimer Erkrankung können einigen Studien zufolge von körperlicher Bewegung profitieren. Zudem gibt es eine Vielzahl experimenteller Befunde, die dafür sprechen. Allerdings gibt es auch Studien, in denen ein solcher Zusammenhang nicht nachgewiesen werden konnte. An den meisten Studien zum Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und Kognition nahmen Patienten mittleren oder höheren Alters teil, bei denen zum Teil im Laufe der Jahre kardiovaskuläre Risikofaktoren zunehmend an Bedeutung gewannen. In der vorliegenden Querschnittsstudie wurden dagegen relativ junge Menschen mit einer genetisch bedingten neurodegenerativen Erkrankung untersucht. 

Design

Prof. Dr. med. Christoph Laske und sein Team am Universitätsklinikum Tübingen haben Daten von 275 Personen (Durchschnittsalter 38,4) analysiert, die eine Genmutation für ADAD (autosomal dominante Alzheimer-Erkrankung) tragen und Teilnehmer des Dominantly Inherited Alzheimer’s Network (DIAN) sind. DIAN ist eine internationale Studie zur Beobachtung von Menschen und Familien mit ADAD. Diese Studie wird von Forschern der Washington University School of Medicine in St. Louis geleitet.

Die Forscher wollten herausfinden, ob mindestens 150 Minuten pro Woche körperliche Aktivität (Gehen, Laufen, Schwimmen, Aerobic usw.) einen Nutzen für die kognitiven Fähigkeiten der Studienteilnehmer haben. 156 Teilnehmer wurden als körperlich sehr aktiv eingestuft (>150 Minuten körperliche Aktivität/Woche), 68 wurden als körperlich wenig aktiv (

Hauptergebnisse

Die Ergebnisse zeigen einen signifikanten Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität, Kognition, Funktionsstatus und der Alzheimer-Pathologie selbst bei Menschen mit einer genetisch bedingten AD.

So stellten die Forscher fest, dass Personen, die sich körperlich mehr betätigten, beim Mini-Mental-Status-Test und in der Clinical Dementia Rating Sum of Boxes (CDR-SOB) besser abschnitten als Personen mit geringer körperlicher Aktivität. 

Darüber hinaus hatten Personen, die sich körperlich mehr betätigten, niedrigere Biomarkerlevel (Beta-Amyloide und Tau-Protein) im Liquor.

Klinische Bedeutung

Die Ergebnisse sprechen generell für die offiziellen Empfehlungen von mindestens 150 Minuten körperlicher Aktivität pro Woche. Nach Angaben der Autoren stützen die Ergebnisse den Nutzen von körperlicher Aktivität auf die Kognition und in Bezug auf das Fortschreiten der Demenz, selbst bei Menschen mit autosomal dominanter Alzheimer-Erkrankung (ADAD), einer seltenen, genetisch bedingten Form der Krankheit, bei der die Entwicklung einer Demenz in einem vergleichsweise jungen Alter zwangsläufig auftritt. „Eine körperlich aktive Lebensweise ist machbar und kann eine wichtige Rolle dabei spielen, die Entstehung von ADAD und ihr Voranschreiten zu verzögern. Menschen mit einem genetisch bedingten Risiko einer Demenz sollten deshalb dahingehend aufgeklärt werden, dass ein aktiver Lebensstil angestrebt werden sollte“, schlussfolgern die Autoren der Studie.

„Die Ergebnisse dieser Studie sind ermutigend und das nicht nur für Menschen mit der seltenen familiär bedingten Alzheimer-Krankheit“, sagt Maria C. Carrillo, Ph.D., Chief Science Officer der Alzheimer’s Association. „Wenn weitere Forschungen diesen Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und einem späteren Auftreten von Demenzsymptomen bei ADAD bestätigen, dann müssen wir den Umfang dieser Arbeit erweitern, um zu sehen, ob das auch für die Millionen Menschen mit der häufigeren Form der Alzheimer-Krankheit, die später beginnt, gilt.“ 

Um genauere wissenschaftliche Beweise dafür zu sammeln, wie die Lebensweise die zerebrale Gesundheit beeinflusst, führt die Alzheimer’s Association gegenwärtig eine große, über zwei Jahre laufende klinische Studie unter dem Namen „U.S. Study to Protect Brain Health Through Lifestyle Intervention to Reduce Risk“ (U.S. POINTER) durch. Die Studie ist ein klinischer Versuch, mit dem beurteilt werden soll, ob Änderungen in der Lebensweise unter gleichzeitiger Berücksichtigung vieler Risikofaktoren, die kognitiven Funktionen bei älteren Erwachsenen schützen, die mit einem erhöhten Risiko des kognitiven Abbaus leben.

Finanzierung: DIAN, National Institute on Aging (NIA), Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, Raul Carrea Institute for Neurological Research und andere.