Körpergewicht steigt oder sinkt, wenn sich der Beziehungsstatus ändert


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Paare haben ein höheres Körpergewicht als Singles – ganz gleich, ob mit oder ohne Trauschein. Anders als bisher oft vermutet, ist es aber weniger die Eheschließung als vielmehr das erste Zusammenziehen, das zu einer Gewichtszunahme führt. Trennen sich Paare, sinkt der BMI bei Frauen und Männern hingegen wieder weitestgehend auf den ursprünglichen Wert. Diese Befunde könnten für die Prävention von Übergewicht und Adipositas genutzt werden.

Hintergrund

Paare leben in der Regel gesünder und länger als Singles. Jedoch wiegen sie im Durchschnitt auch mehr als Alleinlebende. Unklar war bisher, wie sich Veränderungen von Beziehungen auf das Körpergewicht auswirken und wann Paare am meisten zunehmen. Um das herauszufinden, haben Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, der Universität Mannheim, der Universität Leipzig und des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung Daten von 20.000 Menschen (50 % Frauen, Alter 19 bis 100) über einen Zeitraum von 16 Jahren ausgewertet. Die Daten stammen aus der Längsschnittstudie des „Sozio-oekonomischen Panels“ (SOEP), mit der das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung repräsentative Daten über die Bevölkerung in Deutschland erhebt. In Interviews wurden die demographischen Daten wie Alter, Geschlecht, Familienstand, aber auch Größe und Gewicht abgefragt. Zusätzlich wurde nach wichtigen Lebensereignissen wie Geburt oder Veränderungen im Berufsleben, wahrgenommenem Stress, dem subjektiven Gesundheitsempfinden und dem Verhalten mit Blick auf Ernährung, Sport und Rauchen gefragt. Die Ergebnisse wurden im „Journal Health Psychology“ veröffentlicht.

Hauptergebnisse

Paare nehmen nach dem Zusammenziehen etwa doppelt so viel zu wie Paare in den ersten vier Ehejahren. Dieser Effekt bleibt bestehen, auch wenn man wichtige Einflüsse wie Alter, Kinderkriegen, Sport, Rauchen, Gesundheitszustand oder Stress herausrechnet.

„Das heißt, dass diese Gewichtszunahme vor allem mit der Beziehungsveränderung zusammenhängt. Denn eine Änderung des Beziehungsstatus bedeutet oft auch eine Änderung der alltäglichen Essgewohnheiten – zum Beispiel gemeinsames Frühstücken, das allein vielleicht nicht stattgefunden hätte oder bescheidener ausgefallen wäre. In Gesellschaft isst man in der Regel mehr und nimmt somit mehr Kalorien zu sich“, sagt Ralph Hertwig, Ko-Autor der Studie und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung.

Trennen sich Paare, sinkt der BMI bei Frauen und Männern hingegen wieder weitestgehend auf den Wert vor dem Zusammenziehen. Das entspricht der Vorhersage der sogenannten Heiratsmarkthypothese, wonach Menschen auf Partnersuche sich um ein niedrigeres Körpergewicht bemühen, da dies mit mehr Attraktivität verbunden wird. Interessanterweise nehmen beide Geschlechter aber bei Scheidungen, die auf Trennungen folgen, am meisten zu. Eine mögliche Erklärung dazu ist, dass viele Menschen – vor allem Männer – bei der Scheidung wieder in einer neuen Partnerschaft sind.

Klinische Bedeutung

„Mit Blick auf die Gewichtszunahme sind Zusammenziehen und Scheidung wichtige Zeitfenster für Prävention“, sagt Jutta Mata, Professorin für Gesundheitspsychologie an der Universität Mannheim und Wissenschaftlerin am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Außerdem: Bisher wurden soziale Einflüsse – zu denen auch Beziehungsveränderungen zählen – in der Entstehung von Übergewicht kaum beachtet. Stattdessen wurden vor allem individuelle Faktoren wie Wissen oder Willensstärke diskutiert. Dabei zeigen unsere Ergebnisse, dass ein unverheirateter Mann, der vor dem Zusammenziehen leicht übergewichtig ist, im Durchschnitt etwa 7,5 Kilogramm zunimmt, nachdem er je mindestens vier Jahre ohne Trauschein zusammengelebt hat, verheiratet, getrennt und geschieden war. Dadurch erhöht er sein allgemeines Sterblichkeitsrisiko um bis zu 13 Prozent“, so Jutta Mata.

Finanzierung: Die Durchführung und Entwicklung der Längsschnittstudie SOEP erfolgt in Form einer „Serviceeinrichtung für die Forschung“ im Rahmen der Leibniz-Gemeinschaft (WGL) mit Sitz am DIW Berlin. Die SOEP-Gruppe gibt die aufbereiteten Daten an die interessierte Fachöffentlichkeit weiter und erstellt eigene Analysen. Die Feldarbeit führt Kantar Public Deutschland (München) unter dem Titel „Leben in Deutschland“ durch.