Klug entscheiden – Ärzte brauchen besser bezahlte Zeit

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Berlin (pag) – Manchmal ist weniger mehr – das gilt auch im ärztlichen Behandlungsalltag. Die Initiative „Choosing Wisely“ („Klug entscheiden“) will Ärzte dafür sensibilisieren, dass nicht alles Machbare bei Patienten vorgenommen wird. Das den kranken Menschen zu erklären, ist aufwendig. Die Zeit dafür müsste Medizinern besser bezahlt werden, wird auf der Bundeshauptversammlung des NAV-Virchow-Bundes gefordert.  

Trotz stetig wachsenden Ärztemangels hat Deutschland ein Problem mit Überversorgung: Teilweise wird am Patienten zu viel gemacht, was wissenschaftlich nachweisbar nicht nutzbringend ist. Bei einer nicht repräsentativen Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) gestehen ein Viertel der Teilnehmer ein, täglich unsinnige Leistungen zu erbringen, 44 Prozent passiert dies mehrmals in der Woche. Das berichtet auf der NAV-Versammlung Prof. Elisabeth Märker-Hermann aus Wiesbaden, eine Mitinitiatorin der Choosing-Wisely-Kampagne in Deutschland. Die Haupt-Gründe für die Überversorgung sind laut der DGIM-Befragung (in dieser Reihenfolge): Angst vor Behandlungsfehlern, Druck von Patienten und das Verlangen, mit Überflüssigem zusätzliche Erlöse erzielen zu wollen (das geben immerhin 50 Prozent der Befragten an). 

Mit Negativempfehlungen versuchen deshalb Fachgesellschaften innerhalb der Klug-entscheiden-Initiative, Kollegen von sinnlosen Behandlungen abzuhalten. Auch Positiv-Empfehlungen existieren da, wo Unterversorgung festgestellt wird. Nicht alle Fachgesellschaften allerdings sind schon aktiv geworden, einige halten die bestehenden Leitlinien für ausreichend.

Ärzte, die nicht gleich alle Register bei der Behandlung ziehen, beispielsweise Bronchitis ohne Antibiotika kurieren wollen, müssen dies Patienten erklären. Dr. Kirsten Kappert-Gonther, Ärztin und Bundestagsabgeordnete der Grünen, fordert deshalb bei der Podiumsdiskussion, dass das Sprechen in der Medizin durch angemessene Vergütung gefördert wird. „Wir müssen Zeit haben, die auch bezahlt wird“, sagt ebenso ihr Kollege Andrew Ullmann von der FDP. Dazu müsse auch die Bürokratie in den Praxen abgebaut werden. Zudem, das wird in der Diskussion mit dem Publikum deutlich, müsse die Bevölkerung mehr Gesundheitskompetenz bekommen, um Ärzte mit irrationalen Erwartungen nicht unter (Behandlungs-)Druck zu setzen.