Klimawandel eine Gefahr auch für die Kräutermedizin


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Smalltalk
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Kernbotschaften

Schlechte Nachrichten für die Anhänger pflanzlicher Arzneimitteltherapien: Der Klimawandel gefährdet angeblich auch Arzneipflanzen. Darauf weisen Wissenschaftler um Dr. Wendy L. Applequist  vom Missouri Botanical Garden (St. Louis) in einem aktuellen Beitrag im Fachblatt  „Planta Medica“  hin. Sie empfehlen daher, rasch Gegenmaßnahmen zu ergreifen, damit auch in Zukunft noch Therapien mit pflanzlichen Arzneimitteln möglich sind.

In vielen Entwicklungsländern sind Arzneipflanzen die Hauptmedikamente für die Mehrheit der Bevölkerung; auch in Industrienationen wie Deutschland erfreuen sich Phytopharmaka teilweise großer Beliebtheit. Pflanzliche Arzneimittel wie Ginkgo biloba gelten als wirksam und vor allem als vergleichsweise verträglich und sicher. Jährlich werden weltweit pflanzliche Inhaltsstoffe für medizinische Anwendungen im Wert von schätzungsweise 33 Milliarden US-Dollar exportiert. Doch diese Heilpflanzen seien bedroht, so Wendy L. Applequist und ihre Mitautoren. 

Besonders gefährlich: Klimawandel plus Überernten

In ihrem Beitrag beschreiben die Wissenschaftler mehrere Gefahren für Arzneipflanzen, die direkt oder indirekt mit dem Klimawandel in Verbindung stehen: Temperaturanstiege, Dürren und Starkregen, der Anstieg von Kohlendioxid in der Luft und die zunehmende Verbreitung von Schädlingen und Krankheitserregern. Zu den direkten Gefahren gehört auch das Überernten.

Klimawandel und Überernten könnten den Bestand der Arzneipflanzen bis zum Aussterben reduzieren. Hinzu komme, dass durch den Stress, den der Klimawandel bei den Pflanzen induziere, nicht nur ein Rückgang der Biomasseproduktion absehbar sei, erklärt Theo Dingermann, Professor für Pharmazeutische Biologie (Emeritus) an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt in einem Beitrag in der „Pharmazeutischen Zeitung“ . Mit großer Wahrscheinlichkeit werde es auch zu Veränderungen im Muster der sekundären Stoffwechselprodukte kommen, auf dem der therapeutische Einsatz der Arzneipflanzen beruhe, so Dingermann, der sich viele Jahre wissenschaftlich mit der rationalen Phytopharmakologie befasst hat. Seinen Angaben zufolge sei davon auszugehen, dass sich nicht nur die bekannte Qualität, sondern womöglich sogar die Sicherheit der pflanzlichen Rohstoffe und der daraus abgeleiteten Medikamente ändern werde.

Die Bevölkerungen, die voraussichtlich am meisten unter der Entwicklung leiden werden, sind laut Applequist und ihren Kollegen kleinere Volksgruppen und indigene Stämme. Die am stärksten gefährdeten Pflanzen wüchsen in alpinen Regionen und in nördlichen Breitengraden. Wenn sich das Klima in ihren angestammten Lebensräumen verändere, versuchten sich die Pflanzen anzupassen oder in benachbarte Lebensräume zu wandern. Nach Ansicht der Autoren sind einige Pflanzen dazu womöglich nicht in der Lage oder schaffen es nicht rechtzeitig, sich in einem neuen Lebensraum anzusiedeln. Die Wissenschaftler zitieren beispielsweise eine Studie, die den vollständigen Verlust des Lebensraums von Tylophora hirsuta in einigen Gebieten Pakistans voraussagt. Die Pflanze wird zur Behandlung von Patienten mit Asthma und Harnwegserkrankungen eingesetzt. In einer anderen Studie werden für Boswellia, die Quelle von Weihrauchharz, vielfältige Gefahren aufgezeigt: wachsende Agrarbetriebe, Raubbau unter anderem durch Feuer, Holzkäferbefall und Verfütterung an Nutztiere. 

Dass es nicht gut um die Pflanzenwelt steht, hat kürzlich auch ein anderes Team von Forschern in der Fachzeitschrift „ Science Advances“  berichtet. Die Wissenschaftler um Professor Brian Enquist von der Universität von Arizona hatten sich im Wesentlichen mit seltenen Pflanzen und ihrer globalen Verteilung befasst. Schon kleine Temperaturveränderungen könnten Einfluss auf den Wachstumszyklus von Pflanzen haben, heißt es dazu in einem „Spiegel“-Beitrag „Außerdem steigt in diesen Regionen der Einfluss des Menschen. Es werden immer mehr Flächen für die Landwirtschaft benötigt, die Städte dehnen sich aus. Das sind keine guten Nachrichten", wird Enquist in dem Nachrichtenmagazin zitiert.

Ultima ratio: die Migration der Pflanzen

Werde der Klimawandel nicht erfolgreich bekämpft, sollten laut Applequist und ihren Kollegen Arzneipflanzen vermehrt in Gemeinschaftsgärten angebaut werden, um den lokalen Zugang zu erhalten. Bauern sollten zeitnah in der nachhaltigen Bewirtschaftung der Wiesen und Felder und in der Überwachung der Pflanzenqualität geschult werden. Einen letzten Ausweg sehen die Forscher in der vom Menschen unterstützten Migration der Pflanzen in neue Lebensräume und im Anlegen einer standortunabhängigen Saatenbank.