Klimatisierte Krankenzimmer - kein Luxus, sondern vielleicht bald medizinische Notwendigkeit


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Der so genannte Klimawandel und seine Folgen sind gerade für Pneumologen ein wichtiges Thema. Der Grund: Menschen mit Erkrankungen der Atemwege und der Lunge seien besonders anfällig für direkte und indirekte Effekte des Klimawandels, betont die Deutsche Atemwegsliga e.V. im Vorfeld des Deutschen Lungentages (21.9.)  Beim kommenden Kongress der European Respiratory Society (ERS) in Madrid werden daher auch Aspekte des Klimawandels und dessen Relevanz für Erkrankungen wie etwa COPD, Asthma und Lungenfibrosen zur Sprache kommen. 

Die Lunge: Portalorgan für die Auswirkungen des Klimawandels

Extreme Hitzewellen, längere Trockenepisoden im urbanen Raum kombiniert mit Luftbelastung durch Abgase aus Industrie, Landwirtschaft und Verkehr werden zu den Auswirkungen des Klimawandels mit direkten gesundheitlichen Effekten gezählt. Besonders gefährdet sind Menschen mit kardiorespiratorischen Erkrankungen. Die Lunge könne deshalb als Portalorgan für die Auswirkungen des Klimawandels gesehen werden, so Prof. Christan Witt (Charité-Universitätsmedizin Berlin).

Das größte Problem: „Die Kranken werden kränker“

In vielen epidemiologischen Studien wurde in den letzten Jahren und Monaten ein Zusammenhang zwischen steigenden Temperaturen und einer höheren Mortalität und Morbidität gezeigt. Dies gilt insbesondere für alte Menschen und chronische Kranke, etwa Patienten mit Bluthochdruck, Herzinsuffizienz, Asthma und COPD. Allerdings, so Witt, sehe er generell das größte Problem bei der Hitze nicht so sehr in den Todesfällen. Das seien vergleichsweise wenige, sagte der Pneumologe kürzlich in einem Interview in der „Zeit“. Das echte Problem sei ein anderes: Die Kranken werden kränker. So gehe ein Temperaturanstieg um ca. 10 ° Celsius mit einer Zunahme der Krankenhauseinweisungen um ca. 5 % einher, heißt es in einer Mitteilung der Atemwegsliga. Der Effekt sei in kälteren Gegenden stärker als in ohnehin warmen Regionen, wie z. B. Texas. Kritisch sei im Kontext des Klimawandels die zunehmende Urbanisierung und der demographische Wandel zu sehen, da in Stadtgebieten die Belastung durch beides, die Erwärmung (urban heat island) und die lokale Luftbelastung an den Hauptstraßen höher sei. In Berlin etwa seien die Temperaturen in der Stadtmitte bis zu 8 ° C höher als im Umland.

Dosierung von Medikamenten in Abhängigkeit von der Temperatur?

Der Klimawandel und seine Folgen haben für viele Bereiche in der medizinischen Versorgung Relevanz. Witt und seine Kollegen untersuchen zum Beispiel die Wirkung von hochmodern-klimatisierten Krankenzimmern auf die Genesung der hospitalisierten Patienten in Wärmephasen. Erste Ergebnisse sprächen für eine schnellere Mobilisierung der Patienten. In der Zukunft sei mehr Forschung nötig, um die vulnerablen Gruppen zu identifizieren und Optionen für Adaptationsstrategien (z. B. Klimazimmer in der Charité) zu entwickeln. Das gelte auch für eine mögliche klima-adaptierte Arzneimitteltherapie. Denn nicht nur die Erkrankung mache anfällig für die Hitze, sondern auch deren Therapie, erläuterte Witt in dem Interview. Werde zum Beispiel der Blutdruck medikamentös gesenkt, könne der Körper sich nicht mehr anpassen. Bei Hitze würden die Hautgefäße weitgestellt, damit Wärme aus dem Körperkern abgeführt werde. Der Blutdruck würde daher bei Hitze sinken. Der Körper könne gegenregulieren. Doch das funktioniere unter Umständen wegen der Antihypertensiva nicht ausreichend. Es wäre daher sinnvoll, die Dosis eines Medikamentes auch an Umgebungsbedingungen wie die Temperatur anzupassen.