Klarheit zur Therapie stationärer COVID-19-Patienten: Lopinavir-Ritonavir ist nicht wirksam

  • Lancet

  • von Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die für die HIV-Therapie entwickelte Protease-Inhibitor-Kombination Lopinavir-Ritonavir verbessert bei stationären COVID-19-Patienten weder den Verlauf der Erkrankung, noch die Anzahl der Krankenhaustage oder die 28-Tage-Sterblichkeit. Das hat eine große, prospektiv-randomisierte Studie an britischen Kliniken ergeben. Bei stationären COVID-19-Patienten wird von Lopinavir-Ritonavir abgeraten.

Hintergrund
HIV-Proteaseinhibitoren wie Ritonavir (1. Generation) oder Lopinavir (2. Generation) haben die Behandlung der HIV-Infektion wesentlich verbessert. Ritonavir wird als pharmakokinetischer Verstärker eines Kombinationspartners verwendet. Proteaseinhibitoren gelten seit Längerem auch als Kandidaten für die Therapie von Patienten mit Coronavirusinfektion. Denn bei Coronaviren ist ebenfalls eine Proteinase ein Schlüsselenzym für die Replikation. Aus präklinischen Versuchen gab es viele Hinweise, dass Lopinavir-Ritonavir die Vermehrung von MERS und SARS hemmt. Eine erste, im Mai veröffentlichte prospektiv randomisierte Studie mit 199 COVID-19-Patienten hatte allerdings keinen klinischen Nutzen von Lopinavir-Ritonavir belegen können (1). Nun gibt es eine größere Studie zu dieser Fragestellung aus Großbritannien, die im Rahmen des RECOVERY-Konsortiums initiiert wurde (2).

Design

  • Studienform: Wissenschaftler-initiierte, prospektiv randomisierte Untersuchung an 176 Kliniken in Großbritannien.
  • Studienteilnehmer: Patienten mit klinischem Verdacht auf eine SARS-CoV-2-Infektion oder laborbestätigter Infektion. Dabei wurden
    • 11 847 Patienten rekrutiert,
    • 4022 ausgeschlossen, und
    • 7825 im Verhältnis 2 : 1 : 1 randomisiert zur
      • Standardbehandlung (n = 3424),
      • eine andere im Rahmen von RECOVERY untersuchte Medikation wie Dexamethason oder Azithromycin (n = 2785), und
      • Lopinavir (400 mg)/Ritonavir (100 mg) alle 12 Stunden oral bis zu 10 Tagen oder bis zur Entlassung aus dem Krankenhaus (n = 1616).

Hauptergebnisse

  • 23 % der Patienten aus der Protease-Inhibitor-Gruppe starben innerhalb von 28 Tagen und 22 % in der Gruppe „Standard of Care“ - das war kein signifikanter Unterschied zwischen den Gruppen, und die Nicht-Signifikanz bestand auch nach einer Multivariatenanalyse (Rate Ratio: 1,03; p = 0,60).
  • Der durchschnittliche Klinikaufenthalt dauerte 11 Tage, das galt ebenfalls für beide Gruppen.
  • Auch beim kombinierten Endpunkt, Erfordernis einer invasiven Beatmung und Tod, gab es keine signifikanten Unterschiede (Rate Ratio: 1,09; p = 0,092).

Klinische Bedeutung
Lopinavir-Ritonavir war in einer zweiten prospektiv-randomisierten Studie mit deutlich größerer Teilnehmerzahl als der ersten klinisch nicht effektiv. Die Studienautoren raten von einer Behandlung mit der Protease-Inhibitor-Kombination ab.

Die deutsche S1-Leitlinie, überarbeitet im Juli diesen Jahres, hatte bereits eine Anwendung von Lopinavir-Ritonavir außerhalb klinischer Studien nicht empfohlen (3). Die Medikation habe ein Potenzial für unerwünschte Effekte wie Interaktionen mit anderen Arzneimitteln durch Hemmung von CYP 3A4, Übelkeit, Diarrhoe und Störungen der Leberfunktion.

Finanzierung: Medical Research Council, National Institute for Health Research, UK