Kinder mit traumatischen Erfahrungen sind lebenslang besonders gefährdet


  • Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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„Zahlreiche Studien belegen, dass belastende Erfahrungen im Kindesalter das Risiko für psychische und körperliche Erkrankungen im Erwachsenenalter erhöhen“, so Professorin Agnes Flöel, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie, Universitätsmedizin Greifswald und Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Klinische Neurophysiologie und Funktionelle Bildgebung (DGKN). „Die Frage ist, wie die frühen Belastungen strukturelle und funktionelle Veränderungen in Gehirn und Körper hervorrufen und was wir dagegen tun können“, so die Neurologin im Vorfeld der 62. Jahrestagung der Fachgesellschaft in Berlin (15.-17. März 2018).

Wie traumatisierende Erlebnisse in der Kindheit die Gehirnentwicklung verändern, zeigt Professorin Christine Heim an der Charité zusammen mit ihrer Arbeitsgruppe mittels bildgebender Verfahren: „Gerade die Gehirnareale, die für die Stressregulation zuständig sind, sind bei den Probanden verkleinert.“ Weitere Untersuchungen zeigen außerdem, dass Erwachsene, die von belastenden Erfahrungen wie körperliche oder psychische Misshandlungen in der Kindheit berichten, chronisch erhöhte Entzündungswerte aufweisen. „Das Immunsystem ist quasi dauerhaft im Einsatz, und damit schreitet auch die Zellalterung schneller voran“, erklärt Heim in der Mitteilung. 

Psychische und körperliche Erkrankungen im Erwachsenenalter werden häufig durch akute oder chronische Belastungen ausgelöst – bei Erwachsenen, die in der Kindheit traumatische Erfahrungen gemacht haben, scheint die Stresstoleranz herabgesetzt. „Diese Menschen reagieren sensibler auf Stress, weil ihr Stressreaktionssystem möglicherweise sensibilisiert ist“, so Heim.  Selbst Stress in der Schwangerschaft wirkt sich langfristig negativ auf die Entwicklung des Kindes aus: War die Mutter während der Schwangerschaft großen Belastungen ausgesetzt, können Kinder Beeinträchtigungen in metabolischen, endokrinen, immunologischen und kognitiven Funktionen und Abweichungen in der Gehirnentwicklung zeigen.

Der Grundstein für Gesundheit und Krankheit wird also bereits früh im Leben gelegt: Traumatische Erfahrungen im Kindesalter hinterlassen neurobiologische Spuren, die die Betroffenen ihr ganzes Leben lang anfällig für Erkrankungen machen können. Dieser Effekt kann offenbar sogar an die nächste Generation weitergegeben werden. So ergab zum Beispiel eine kürzlich publizierte Studie von Professor Torsten Santavirta (Stockholm) und seine Kollegen, dass finnische Frauen, deren Mütter während des Zweiten Weltkrieges nach Schweden evakuiert worden waren, überdurchschnittlich häufig psychisch krank wurden. Berechnungen ergaben für sie ein zweifach erhöhtes Risiko für eine Klinikaufnahme wegen einer psychischen Störung und ein fast fünffach erhöhtes Hospitalisierungs-Risiko aufgrund von Depressionen und Angststörungen ( „JAMA Psychiatry“ ).