Keine erhöhte Mortalität unter kurzfristiger Einnahme neuer Antipsychotika


  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Eine große Meta-Analyse aus zumeist Kurzzeit-Studien findet keine Beweise für den Verdacht, dass Antipsychotika der 2. Generation die Mortalität der Patienten generell erhöhen. Möglicherweise gilt dies aber nicht für Demenzpatienten.

Hintergrund

Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen haben eine reduzierte Lebenserwartung; es besteht der Verdacht, dass dies zum Teil auf lebensbedrohliche Nebenwirkungen antipsychotischer Medikamente zurückzuführen ist. Dieser Hypothese ist man hier im Rahmen eines systematischen Reviews mit Meta-Analyse nachgegangen.

Design

Ausgewählt wurden randomisierte, kontrollierte Studien, bei denen Antipsychotika der 2. Generation mit Placebo verglichen worden waren. Zusätzlich zur Literatursuche wurden pharmazeutische Unternehmen und Zulassungsbehörden kontaktiert. Erfasst wurden die Gesamtmortalität als primäres Studienziel sowie die natürliche Mortalität, Todesfälle durch Suizid und andere nicht-natürliche Ursachen.

Hauptergebnisse

  • Die Forscher konnten 596 Studien aus dem Zeitraum von 1978 bis 2017 identifizieren, von denen 352 mit zusammen 84.988 Teilnehmern in die Analyse einflossen. 85 % dieser Studien hatten maximal 13 Wochen gedauert, median waren es 6 Wochen.
  • Es gab 207 Tote (0,4 %) unter Antipsychotika und 99 (0,3 %) unter Placebo.
  • Bei einem Chancenverhältnis OR von 1,19 und einem 95%-Konfidenzintervall von 0,93 – 1,53 ergab sich kein signifikanter Unterschied beim Mortalitätsrisiko insgesamt und auch nicht in den Untergruppen (natürliche Ursachen OR 1,29; Suizid OR 1,15; andere nicht-natürliche Ursachen OR 1,55).
  • In den Analysen fanden sich drei Untergruppen mit erhöhtem Mortalitätsrisiko unter Antipsychotika: Demenzpatienten (OR 1,56 95%-KI 1,10 – 2,21), ältere Patienten (OR 1,38; 95%-KI 1,01 – 1,89, sowie Patienten unter Aripiprazol (OR 2,20; 95%-KI 1,00 – 4,86). Auch bei Studien mit einem hohen Frauenanteil wurde solch eine Tendenz festgestellt, jedoch erklären die Autoren all diese Effekte hauptsächlich damit, dass die entsprechenden Personen an Demenz-Studien teilgenommen hätten.
  • Für Patienten mit einer Schizophrenie gab es keine Hinweise auf ein erhöhtes Mortalitätsrisiko. Hier betrug die OR 0,69 mit einem 95%-KI von 0,35 – 1,35.

Klinische Bedeutung

Erstmals wurde hier die Literatur bezüglich der Mortalitätsdaten für Antipsychotika der 2. Generation durchforstet. In hunderten von kurzfristigen Studien fanden die Autoren dabei keine Beweise dafür, dass Antipsychotika das Mortalitätsrisiko generell erhöhen. Dies gilt insbesondere für die Indikation Schizophrenie. Einer Entwarnung kommt dies aber nicht gleich. Denn zum einen könnte es besonders gefährdete Populationen wie Demenzpatienten geben, bei denen das Risiko erhöht ist. Zum anderen erhalten viele Patienten ihre Arzneien über Jahre oder sogar Jahrzehnte, und es ist fraglich, ob es überhaupt genug Studien gibt, um eine analoge Untersuchung über so einen langen, aber überaus praxisrelevanten Zeitraum durchführen zu können.

Finanzierung: Bundesministerium für Bildung und Forschung.