KBV löst Krach in der Ärzteschaft aus

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Eine gemeinsame Erklärung der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und das dazugehörige Pressegespräch haben ein Nachspiel: Facharztgruppen - darunter Intensivmediziner - distanzieren sich und kritisieren die Ärztefunktionäre scharf.

 

Mehr Ge- statt Verbote, mehr Aufklärung, mehr Eigenverantwortung statt Lockdown: Nur so lässt sich nach Ansicht von Ärzten und zwei bekannten Virologen der Marathon Corona-Pandemie bewältigen. Sensationell neu ist dieses Rezept nicht – und nach den Erfahrungen der letzten Monate möglicherweise auch nicht ausreichend, um das Entstehen gefährlich hoher Infektionswellen zu verhindern. Es hat eben keiner „eine Lösung, wie man mit der Pandemie umgeht“, gesteht der Bonner Virologe Hendrik Streek ein.

Der Zeitpunkt für die Online-Pressekonferenz am 28. Oktober ist strategisch günstig gewählt, um maximale Aufmerksamkeit von Journalisten zu bekommen. Zwei Stunden, bevor sich die Länderchefs mit Bundeskanzlerin Angela Merkel zusammensetzen, um über den Lockdown light zu beraten, beginnt die Pressekonferenz. Auf ihr stellen die beiden KBV-Vorstände Andreas Gassen und Dr. Stephan Hofmeister, Prof. Hendrik Streek, Direktor des Instituts für Virologie an der Universität Bonn, und sein Kollege Prof. Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Abteilung Arbovirologie am Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg, ein gemeinsames Positionspapier von „Ärzten und Wissenschaft“ vor. Vorschläge werden dort gemacht, wie der bisherige Evidenz- und Erfahrungsgewinn beim weiteren Covid-19-Management berücksichtigt werden sollte.

 

Altes Hausmittel gegen Ansteckung: Kontakte reduzieren

Klar, dass sich die Journalisten insbesondere von Streek und Schmidt-Chanasit Hinweise darauf erhoffen, welche Alternativen es zu einem Lockdown light gäbe. Am Ende ist die Enttäuschung groß. Auch auf wiederholte Nachfragen, wie denn die Experten die sprunghaft steigenden Infektionszahlen kurzfristig dämpfen würden, kommt nichts wirklich Konkretes. Außer: „Kontakte zu reduzieren ist sinnvoll, andere Maßnahmen sind es nicht“, sagt Jonas Schmidt-Chanasit. Zu den sinnlosen Maßnahmen zählt er die Schließung von Theatern, Gaststätten oder Kinos mit Hygienekonzept. Eine wissenschaftliche Evidenz dafür, dass das Zusperren von Kultur- und Freizeiteinrichtungen sich bisher maßgeblich auf die Infektionszahlen ausgewirkt hätte, gebe es nicht.

 

Corona bleibt ständiger Begleiter

Dass Schmidt-Chanasit das Schließen von Gastronomie und anderen Einrichtungen für wenig zielführend und wirkungslos hält, schafft es in der Zeit bis zum Start der Bund-Länder-Tagung noch in die Schlagzeilen. Als die ersten Beschlüsse zum November-Shutdown durchsickern, ist das Interesse an dem Positionspapier natürlich weg. Schlechtes Timing, könnte man sagen.

Neu sind die Forderungen nicht, welche die unterzeichnenden Ärzteverbände sowie Streek und Schmidt-Chanasit aufstellen. Es gehe um eine langfristige Strategie, nicht um den Sprint, sondern um den Marathon. Es gehe nicht darum, von Welle zu Welle zu reiten, erst die Sommerferien, jetzt Weihnachten retten zu wollen. Es gehe darum, die Menschen darauf einzustellen, dass Corona auf lange Zeit ein Begleiter sein werde, „ihr müsst dauerhaft euer Verhalten ändern“, sagt KBV-Vizechef Dr. Stephan Hofmeister. Dafür sei es nötig, die Bevölkerung immer wieder über die Hygieneregeln AHA + L+ App aufzuklären (was die Regierung und die Länder seit Monaten mit steigender Intensität tun). Besonders in Teilen der Bevölkerung, die nicht Deutsch sprechen, sei hier bisher zu wenig passiert, sagt Schmidt-Chanasit.

 

Einheitliches Ampelsystem statt Starren auf Infektionszahlen

Um wertvolle und knappe Ressourcen zielgerichtet zu verwenden, sei es zudem nötig, von der meistens ohnehin nicht mehr möglichen individuellen Kontaktnachverfolgung in den Gesundheitsämtern abzukommen und stattdessen eine Priorisierung einzuführen, etwa Kontakte dann nur noch aufzuspüren, wenn sie einen Bezug zu medizinischen Einrichtungen haben. Ferner, so heißt es in dem Positionspapier, müsse der Schutz vulnerabler Menschen endlich in den Vordergrund rücken. Ältere Menschen könnten beispielsweise mit FFP-2-Masken oder Selbsttests ausgestattet werden, damit sie weiter Besuche empfangen können. Wenig hilfreich sei es zudem, nur auf die Infektionszahlen zu schauen. Deswegen müsse ein einheitliches Ampelsystem geschaffen werden, mit dem die Infektionsentwicklung anhand der Hospitalisierungsrate, dem intensivmedizinischen Behandlungsbedarf und der Positivquote bei den PCR-Tests bewertet werde. Wenn eine solche Ampel auf Rot springe, müsse dann „risikoadaptiert“ reagiert werden, sagt KBV-Chef Dr. Andreas Gassen, der wiederholt den Sinn von Lockdowns anzweifelt und der trotz der dringlichen Warnungen von Intensivmedizinern angesichts der zunehmenden Covid-19-Fälle in den Krankenhäusern „nicht panisch und überängstlich“ ist. In einer der Abendnachrichten der dritten ARD-Programme fängt er sich dafür eine Klatsche von einem Arzt des Uniklinikums Kiel: Die KBV habe als Vertretung der niedergelassenen Ärzte halt keine Ahnung, was in den Kliniken los sei.

 

Anästhesisten distanzieren sich deutlich von KBV-Haltung

Auch der Berufsverband Deutscher Anästhesisten (BDA) meldet sich zu Wort. Der Verband ist Mitglied im Spitzenverband Fachärzte Deutschlands, der von der KBV als Unterstützer des Positionspapiers aufgeführt wird. In einer Mitteilung betonen die Anästhesisten jedoch, „dass der BDA das Positionspapier der KBV inhaltlich nicht unterstützt und im Vorfeld keinerlei Kenntnis über dieses Papier hatte“. BDA-Präsident Prof. Götz Geldner hält die Stellungnahme der KBV für „nicht zielführend“. Auch auf Twitter regt sich unter Ärzten Widerstand gegen das Papier („Lieber Herr Gassen, ich bin nicht befragt worden“; „Als Kassenarzt fühle ich mich nicht von Herrn Gassen vertreten“), das die KBV als „gemeinsame Position von Wissenschaft und Ärzteschaft“ verkauft. Ebenfalls harsche Kritik kommt von der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie. „Wir stehen kurz vor dem 'point of no return'“, wendet die ärztliche Fachgesellschaft sich gegen das Positionspapier der Standesorganisation der Vertragsärzteschaft.

Präsident Prof. Jan Galle klassifiziert den Vorstoß der KBV als „irreführend und die Situation stark verharmlosend“:

 

Gegenwind auch von Intensivmedizinern

Nicht auf KBV-Linie sind zudem Intensivmediziner um den Präsidenten der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin Prof. Uwe Janssens. Sie erwarten in den kommenden Wochen einen weiteren Anstieg der Covid-19-Intensivfälle und begrüßen die Maßnahmen der Politik bei einem gemeinsamen Auftritt in der Bundespressekonferenz am 29. Oktober ausdrücklich. Prof. Norbert Suttorp, Leiter der Infektiologie an der Berliner Charité, bezeichnet sie gar als „überfällig“. Ähnlich positioniert sich die Bundesärztekammer: Sie nennt die Beschlüsse „angemessen und geboten“.