"Kassen-Arzt" schreibt krank

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Ist die Techniker Krankenkasse (TK) auf dem Weg zum Gesundheitsdienstleister? Sie weitet ihr Projekt zur Online-Sprechstunde aus. Nicht nur bei Covid-19 können sich ihre Versicherten jetzt von einem von der TK gestellten Arzt krankschreiben und elektronische Rezepte verordnen lassen, sondern bei insgesamt acht Krankheitsbildern. Pikant: Bei den Ärzten handelt es sich um Behandler, die die Patienten in der Regel nicht kennen.

 

Für das Angebot hat die TK einen Selektivvertrag nach §140 SGB V mit der ife Gesundheits-GmbH aus Nehmten geschlossen, teilt ein Sprecher der Krankenkasse auf Anfrage der Presseagentur Gesundheit mit. „Dieser externe Dienstleister hat derzeit mit sechs niedergelassenen Vertragsärzten aus dem Bereich der KV Schleswig-Holstein vertraglich entsprechende Kapazitäten eingekauft, um die TK-Onlinesprechstunde anzubieten.“ Dabei handele es sich überwiegend um Allgemeinmediziner/Hausärzte, aber auch ein Gynäkologe und eine Urologin seien dabei. Die Zahl der Ärzte soll an der Nachfrage orientiert ausgebaut werden. Das Angebot sei eine Weiterentwicklung der bestehenden Pilotprojekte, die zunächst nur für Mitarbeiter der TK und des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein zur Verfügung standen und im April für alle TK-Versicherten mit einer bestätigten Corona-Diagnose oder einem Verdacht ausgedehnt wurde. Damals kritisierte der Landesverband (LV) Nordrhein des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte solche Angebote. „Telefonische Beratungen und zunehmend auch Videosprechstunden gehören selbstverständlich zu unserem Betreuungsumfang“, meinte LV-Pressesprecher Edwin Ackermann und forderte die Kassen auf, mit den Niedergelassenen zu kooperieren. Schon zu diesem Zeitpunkt entgegnete die TK, dass sie sich dem nicht verschließen wolle.

 

TK: „Zusätzliche Partner herzlich willkommen“

Mit der Ausweitung des Projekts auf weitere Krankheitsbilder wie Grippe, Migräne und Rückenschmerzen unterstreicht der stellvertretende TK-Vorstandsvorsitzende Thomas Ballast erneut: „Wir arbeiten gerade mit Nachdruck an der Anbindung weiterer Apotheken und Arztpraxen. Dabei ist uns ganz wichtig, dass wir offen für weitere Partner sind. Unser Versorgungsnetz soll keine Konkurrenz für die anderen Apotheken oder Arztpraxen sein, sondern bei uns sind zusätzliche Partner jederzeit herzlich willkommen", betont die Kasse.  

Die AOK Rheinland/Hamburg bietet in den Landkreisen Kleve und Wesel (Nordrhein-Westfalen) ebenfalls ein 140er-Pilotprojekt an. Auch hier werden Videosprechstunden ohne Kontakt zu den Vor-Ort-Niedergelassenen angeboten – nach Angaben der Krankenkasse, um der pädiatrischen Unterversorgung zu begegnen. „Das Angebot der ärztlichen Behandlung per Videotelefonie inklusive Krankschreibung und Rezeptausstellung richtet sich an Familien mit Kindern zwischen zwei und 18 Jahren“, teilt eine Sprecherin mit. „Es gibt hierbei keine Facharzt- oder Indikationsbegrenzung.“ Das Pilotprojekt werde von der Hochschule Rhein-Waal wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Bei positiven Ergebnissen sei eine Erweiterung auf andere Regionen denkbar, „die strukturelle Herausforderungen in der ärztlichen Versorgung aufweisen“.

 

Virchowbund: Kassen übersteigen ihre Kompetenzen

Der Virchowbund lehnt solche Angebote ab. „Es ist nicht Aufgabe der Krankenkassen, die Behandlung zu übernehmen, sondern die Behandlung zu finanzieren. Gerade im Bereich der medikamentösen Behandlung wird der finanzielle Aspekt mit Sicherheit zum Bias“, kritisiert der Verband der niedergelassenen Ärzte Deutschlands.

Partner der AOK Rheinland/Hamburg für das digitale Angebot ist die Firma TeleClinic. Mit ihr arbeitet auch die BKK Mobil Oil zusammen, die Onlinesprechstunden für ihre Versicherten anbietet. Neben Allgemeinmedizin sind die Fächer Gynäkologie und Pädiatrie vertreten. Dr. Nikolaus Schmidt-Sibeth, der als Allgemeinmediziner für TeleClinic tätig ist, sagt anlässlich der Kooperation: „Telemedizin versteht sich als eine Ergänzung zum gewohnten ambulanten Behandlungssystem.“ Bei Versicherten der BKK Mobil Oil würden Erkrankungen deshalb über die Angebote der TeleClinic weder diagnostiziert noch behandelt. „Stattdessen erfolgt eine Beratung zu allgemeinen gesundheitlichen Fragen.“

 

Andere Kassen winken ab

Auch andere von der Presseagentur Gesundheit befragte Krankenkassen gehen nicht so weit wie die TK oder die AOK Rheinland/Hamburg. „Derartige Projekte gibt es bei der Barmer derzeit nicht, noch sind sie geplant“, teilt die Ersatzkasse mit. Auch die IKK Classic bezieht sich bei ihren telemedizinischen Angeboten in erster Linie auf Beratung. „Rezeptausstellungen und Krankschreibungen über das schon jetzt im ambulanten Sektor mögliche Maß schließt das nicht ein“, heißt es vonseiten der Innungskrankenkasse. Die AOK Bayern betont, dass „uns die Kooperation mit den niedergelassenen Vertragsärzten wichtig“ sei. „Mit dem für 2021 geplanten AOK-Gesundheitsnetzwerk verfolgen wir mit Hilfe digitaler Vorsorge- bzw. Versorgungslösungen eine Vernetzung aller Akteure im Gesundheitswesen.“ Das Netzwerk werde auch die elektronische Krankmeldung beinhalten. In Planung sei außerdem die Umsetzung der Videosprechstunde im Netzwerk. „Erster Ansprechpartner für Diagnose und Therapie bleiben natürlich weiterhin der Haus- und Facharzt mit Unterstützung der Apotheker“, unterstreicht die AOK Bayern.

 

Es geht auch ohne Selektivverträge

Der Anbieter TeleClinic bezeichnet sich selbst als Marktführer für den Online-Arztbesuch in Deutschland und hat nach eigenen Angaben Selektivverträge mit fünf gesetzlichen Krankenkassen und 13 privaten Krankenversicherungen abgeschlossen. Um das Angebot einer digitalen Sprechstunde mit der Möglichkeit einer Krankschreibung zu nutzen, müsse die Krankenkasse des Patienten aber gar keine Kooperation mit dem Portal haben, wie aus einer Pressemitteilung von TeleClinic vom 28. Mai hervorgeht. „Gesetzlich Versicherte aller Krankenkassen können ab sofort die Videosprechstunde von TeleClinic als Teil der Regelversorgung kostenfrei nutzen“, heißt es dort. Auf Anfrage der Presseagentur Gesundheit lässt das Unternehmen wissen, dass auf der Plattform mehr als 200.000 Nutzer registriert seien. „Bisher wurden über 40.000 Behandlungen durchgeführt“, teilt TeleClinic mit. Zum Netzwerk gehörten über 250 Behandler. „Sie arbeiten als niedergelassene Ärzte zusätzlich zu ihrer Vorort-Tätigkeit flexibel für TeleClinic.“

Der Videosprechstunden-Anbieter kündigt außerdem eine enge Zusammenarbeit mit Doc Morris an. Wie die Versandapotheke gehört TeleClinic seit Kurzem zur Schweizer Zur-Rose-Gruppe.