Kardiologische Leitlinien: zu viele Empfehlungen unzureichend fundiert


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaft

Obwohl seit Jahren moniert sind weiterhin viele Empfehlungen in Leitlinien zu kardiovaskulären Erkrankungen unzureichend wissenschaftlich begründet. 

Hintergrund

An Leitlinien gibt es seit vielen Jahren immer wieder Kritik. Sie enthielten teilweise widersprüchliche Empfehlungen, seien praxisfern und zudem nicht immer ausreichend frei von kommerziellen Einflüssen, sagen Kritiker. Manche Studien haben in den vergangenen Jahren tatsächlich Qualitäts-Defizite von Leitlinien gezeigt. US-Wissenschaftler haben daher nun untersucht, ob sich bei den US-amerikanischen und europäischen Leitlinien zu kardiovaskulären Erkrankungen in den letzten zehn Jahren etwas verbessert hat.

Design

Analysiert wurden mehr als 6300 Therapie-Empfehlungen aus insgesamt 51 Leitlinien der US-amerikanischen Kardiologen-Gesellschaften (ACC/AHA, n = 26) ) und der europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC, n =25). Analysiert wurde, welchen Evidenz-Grad die Empfehlungen hatten. 

Hauptergebnisse

  • Von den US-amerikanischen Empfehlungen hatten nur 8,5 Prozent den Evidenz-Grad A (mehrere randomisierte und kontrollierte Studien)
  • 50 Prozent Evidenz-Grad B (eine RCT oder nicht-randomisierte Studien, Beobachtungsstudien) und 41,5 Prozent den Evidenz-Grad C (Experten-Konsens).
  • Von den Empfehlungen der europäischen Kardiologen-Gesellschaft hatten 14,2 Prozent den Evidenz-Grad A, 31 Prozent den Evidenz-Grad B und fast 55 Prozent sogar nur den Evidenz-Grad C. 
  • Im Vergleich zu früheren Versionen habe der Anteil der Empfehlungen mit Evidenz-Grad A weder in den US-Leitlinien noch in den ESC-Leitlinien relevant zugenommen. 

Klinische Bedeutung

Die Ergebnisse der aktuellen Analyse sprechen zwar dafür, weitere hochwertige Studien durchzuführen, um die Empfehlungen in Leitlinien auf eine solide wissenschaftliche Basis zu stellen. Das wäre wünschenswert. Aber zu bedenken ist dabei, dass solche Studien teuer sind, so dass Aufwand und Nutzen gut abgewogen werden muss. Ein großes Problem dabei ist - und wird auch in Zukunft sein -, dass die Entscheidungen für oder gegen Planung und Realisierung einer RCT von den kommerziellen Interessen der Sponsoren abhängt. Und manche RCT, die medizinisch notwendig wäre, wird hingegen nicht realisiert, weil es keinen Sponsor gibt.

Finanzierung: für die aktuelle Studie gab es keine externe finanzielle Unterstützung.