Kachexie bei HIV: Wie chronische Virusinfektionen den Körper abmagern lassen


  • Dr. Stefanie Reinberger
  • Medizinische Nachrichten
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Kernaussagen

  • Bei chronischen Infektionskrankheiten wie einer HIV-Infektion, führt die antivirale Immunantwort der CD8+ T-Zellen zur Reorganisation des Fettgewebes und zur Lipolyse.

  • Keiner der Entzündungsmediatoren, die eine Kachexie bei Krebspatienten auslösen, spielt bei der infektionsassoziierten Kachexie eine Rolle.

Hintergrund

Kachexie ist ein multifaktorielles Syndrom, das im Rahmen von verschiedenen Erkrankungen wie einer HIV-Infektion und anderen chronischen Virusinfekten, Tuberkulose, Autoimmunerkrankungen und Krebs auftritt. Kachexie führt zu einem unkontrollierbaren Gewichtsverlust. Schrumpfende Fettreserven und ein Abbau des Muskelgewebes schwächen die Betroffenen und mindern ihre Lebensqualität. Zudem wird das Ergebnis laufender Therapien beeinträchtigt. Eine wirksame Behandlung der Kachexie existiert derzeit nicht. Das Syndrom gilt als ein entscheidender Faktor, der die Morbitität und Mortalität bei verschiedenen Krebsarten, chronischen Entzündungen und chronischen Infektionskrankheiten erhöht. Noch ist die Kachexie wenig verstanden. Lediglich für krebsassoziierte Kachexie konnte in den letzten Jahren gezeigt werden, dass Entzündungsfaktoren den Appetit beeinflussen und den Fett- und Muskelstoffwechsel verändern. Die vorliegende Arbeit untersucht anhand eines Tiermodells, welche Mechanismen bei chronischen Virusinfektionen zur Kachexie führen.

Hauptergebnisse

  • Kachexie bei chronischen Virusinfektionen lässt sich – ähnlich wie bei Krebserkrankungen – nur teilweise durch verminderte Nahrungsaufnahme erklären.

  • Die Virusinfektion führte zu einer gravierenden Reorganisation der Architektur des Fettgewebes. Dies war mit der Aktivierung der Lipolyse verbunden, einer Kaskade molekularbiologischer Prozesse, die der Körper zur Auflösung seiner Fettdepots verwendet.

  • Eine zentrale Rolle beim Entstehen einer Kachexie im Rahmen von chronischen Virusinfektionen kommt den CD8+ T-Zellen zu, die normalerweise infizierte Zellen erkennen und abtöten.

  • Die Reorganisation des Fettgewebes sowie die Lipolyse trat bei den Mäusen zu dem Zeitpunkt der Infektion auf, zu dem die CD8+-Immunantwort ihren Höhepunkt erreicht.

  • Der Vorgang war außerdem abhängig von den Signalen des T-Zell-intrinsischen antiviralen Zytokins Typ-I-Interferon sowie von der Antigen-spezifischen Erkennung des Virus durch die CD8 T Zellen.

  • Interessanterweise spielt bei chronischen Virusinfektionen keiner der Entzündungsmediatoren, die eine Kachexie bei Krebspatienten auslösen, eine Rolle.

Klinische Bedeutung

Die Ergebnisse liefern erstmals einen Einblick in die komplexen Mechanismen einer infektionsassoziierten Kachexie. „Darüber hinaus sind wir überzeugt, dass zukünftige Forschungsstudien, die die Kachexie im Zusammenhang von Infektionen und Krebs vergleichend untersuchen, ein Schlüssel dafür sein werden, um dringend notwendige Fortschritte im Verständnis dieser noch immer sehr mysteriösen Krankheit zu erzielen“, sagt Studienleiter Andreas Bergthaler, CeMM Forschungszentrum für Molekulare Medizin der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Dies könnte künftig den Weg zu neuen Therapiemöglichkeiten der Kachexie ebnen.

Finanzierung

European Research Council (ERC), Österreichische Akademie der Wissenschaften, Österreichischer Wissenschaftsfonds (FWF), Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), US National Institutes of Health