Je tiefer der Blutdruck, desto länger das Leben?

  • JAMA Cardiology

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften 

Eine Blutdruck-Einstellung mit besonders tiefen Zielwerten verlängert im Vergleich zur Standard-Einstellung bei Patienten mit hohem kardiovaskulärem Risiko, aber ohne Diabetes das Leben möglicherweise um bis zu drei Jahre. 

Hintergrund

Eine seit Jahrzehnten diskutierte Frage ist, wie tief bei Hypertonie-Patienten der Blutdruck gesenkt werden sollte. Für besonders viele und kontroverse Diskussionen zu dieser Frage sorgte die 2015 publizierte US-Studie SPRINT (Systolic Blood Pressure Intervention Trial). Denn den SPRINT-Daten nach könnte es sinnvoll sein, bei einem Teil der Hypertonie-Patienten einen systolischen Zielwert von unter 120 mmHg anzustreben. So schnitten die Patienten mit dieser aggressiven Blutdruck-Einstellung beim primären Endpunkt (Herzinfarkt, akutes Koronarsyndrom, Schlaganfall, Herzversagen oder kardiovaskulärer Tod) signifikant besser ab als die Patienten der Kontroll-Gruppe mit einem höheren Zielwert (unter 140 mmHg): Die relative Risikoreduktion betrug 25 Prozent (5,2 versus 6,8 Prozent). Die Studie wurde aufgrund der deutlichen Überlegenheit der aggressiven Blutdruck-Kontrolle vorzeitig beendet. Insbesondere wegen der SPRINT-Daten definierten die aktualisierten US-Leitlinien Bluthochdruck bereits ab Werten von mindestens 130/80 mmHg.

Allerdings gab es an der Studie einige Kritik, wobei unter anderem die Art der Blutdruck-Messung im Fokus stand. Außerdem, so ein weiteres Argument, sei ein sehr niedriger systolischer Blutdruck für manche Patienten, vor allem alte Patienten, ein Risiko. Darüber hinaus gelinge es bei vielen Patienten noch nicht einmal, den Blutdruck auf „gemäßigte“ Werte einzustellen, etwa aufgrund der teilweise unzureichenden Therapie-Adhärenz. Im Gegensatz zu den Autoren der US-Leitlinie sah die europäische Leitlinienkommission keine ausreichende Evidenz für eine Neu-Definition der Hypertonie (und daraus abgeleitete Therapie-Empfehlungen). Die aktuelle europäische Leitlinie sieht weiterhin vor, die Mehrzahl der Hypertoniker erst ab einem Blutdruck von 140/90 mmHg medikamentös zu behandeln. Die Autoren der aktuellen Subanalyse sind nun der Frage nachgegangen, welchen Einfluss eine aggressive Blutdruck-Kontrolle auf die Lebensdauer hat. 

Design

An SPRINT nahmen 9361 mindestens 50 Jahre alte Patienten (systolischer Wert 130 bis 180 mmHg) mit hohem kardiovaskulärem Risiko teil. Ausgeschlossen waren Diabetes-Kranke, Patienten, die bereits einen Schlaganfall erlitten hatten, und auch alte Patienten, die in Pflegeheimen lebten. Rund 35 Prozent waren Frauen, fast 30 Prozent waren mindestens 75 Jahre alt; von diesen alten Patienten hatten allerdings nur etwa 20 Prozent eine kardiovaskuläre Erkrankung. Knapp 29 Prozent aller Studienteilnehmer hatten eine chronische Nierenerkrankung. Zum Zeitpunkt des vorzeitigen Studien-Endes betrug der systolische Blutdruck bei den Patienten mit der intensiven Blutdruck-Therapie im Mittel 121,5 mmHg (im Durchschnitt 2,8 Antihypertensiva); bei Patienten der Vergleichs-Gruppe mit im Mittel knapp zwei Blutdruck-Präparaten betrug der Wert 134,6 mmHg. 

Hauptergebnisse

  • Der mittlere Überlebensvorteil in der Gruppe mit der aggressiven Blutdruck-Kontrolle gegenüber der Kontroll-Gruppe betrug bis zu drei Jahre. 
  • 50-jährige Patienten mit dem niedrigen Zielwert haben der Analyse zufolge eine geschätzte Lebenserwartung von 37,3 Jahren, die gleichaltrigen Patienten der Vergleichs-Gruppe eine von 34,4 Jahren (Differenz 2,9 Jahre; 95% CI: 0,9-5,0 Jahre; p= 0,008). 
  • Bei 65-Jährigen mit aggressiver Zielwert-Einstellung beträgt die geschätzte Lebenserwartung 24,5 Jahre, bei den gleichaltrigen Patienten der Vergleichs-Gruppe 23,3 Jahre (Differenz 1,1 Jahre; 95% CI: 0,1-2,1 Jahre; p = 0,03). 

Klinische Bedeutung

Nach Angaben der Autoren bekräftigten die Ergebnisse der Subanalyse den Nutzen der aggressiven Blutdruck-Einstellung für einen Teil der Hypertonie-Patienten. Selbstverständlich gilt aber auch für die Subanalyse die Kritik, die bereits gegen die Hauptstudie vorgebracht wurde. Ein Problem der Subanalyse ist außerdem, dass die Ergebnisse auf der Annahme einer konstanten Therapie-Adhärenz der Patienten beruhen. Die Autoren selbst räumen daher ein, dass der Nutzen der aggressiven Blutdruck-Kontrolle in der Versorgungsrealität wahrscheinlich geringer sei als in der Studie. Die bestehenden Zweifel an der Aussagekraft der Studie werden durch die Subanalyse nicht ausgeräumt.

Finanzierung: Der US-Staat