Italienische Intensivmediziner warnen: Bergamo ist überall möglich


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles im Fokus
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Kernbotschaften

Ärzte eines Krankenhauses in Bergamo, dem Epizentrum der Pandemie in Italien, warnen: Bei einer Pandemie wie der aktuellen COVID-19-Pandemie genüge die patienten-zentrierte Versorgung nicht; sie müsse durch eine gemeinschafts-zentrierte Versorgung ersetzt werden, schreiben die Ärzte des „Papa Giovanni XXIII Krankenhauses“ in Bergamo, einer modernen Klinik mit 48 Intensivbetten.  Lösungen für COVID-19 seien, so der Anästhesist und Intensivmediziner Dr. Mirco Nacoti und seine Kollegen, für die gesamte Bevölkerung erforderlich, nicht nur für Krankenhäuser. Und: Das Coronavirus sei das Ebolavirus der Reichen; es sei nicht besonders tödlich, aber sehr ansteckend. 

Eine humanitäre Katastrophe im reichen Europa

Nach Angaben der italienischen Ärzte seien in ihrem Krankenhaus 300 von 900 Betten mit COVID-19-Patienten belegt. 70 Prozent der Intensivbetten seien für schwerkranke COVID-19-Patienten mit einer begründeten Überlebenschance reserviert.. Die Wartezeiten auf ein Intensivbett betrügen Stunden. Ältere Patienten würden nicht mehr reanimiert. Sie stürben alleine, ohne angemessene palliative Versorgung; die Familie werde telefonisch benachrichtigt, häufig von einem physisch und psychisch erschöpften Arzt, der ihnen außerdem fremd sei. Sogar die medizinische Grundversorgung sei nicht mehr gesichert, etwa die Schwangerschaftsbetreuung und Geburtshilfe.

In der Umgebung sei die Lage noch schlimmer. Die meisten Krankenhäuser seien überfüllt und stünden kurz vor dem Kollaps. Es gebe keine Medikamente und Beatmungsgeräte, keinen Sauerstoff und keine Schutzkleidung. Die Patienten müssten auf Matratzen liegen. Die medizinische Versorgung der Bevölkerung sei am Zusammenbrechen; die Situation in den Haftanstalten werde ohne soziale Distanzierung „explosiv“. Leider, so  Mirco Nacoti und seine Kollegen, scheine die Außenwelt nicht zu wissen, dass dieser Ausbruch in Bergamo außer Kontrolle geraten sei.

Plädoyer für eine gemeinschafts-zentrierte Versorgung

Westliche Gesundheitssysteme basieren auf dem Konzept der patienten-zentrierten Versorgung, schreiben die italienischen Ärzte weiter. Eine  Epidemie bzw. Pandemie erfordere jedoch einen Perspektivwechsel hin zu einer gemeinschafts-zentrierten Versorgung. Doch die dafür notwendigen Experten, Epidemiologen und Public-Health-Wissenschaftler fehlten. Wichtig sei es, jetzt und in Zukunft weniger auf eine Behandlung in Kliniken zu setzen, sondern verstärkt auf eine Behandlung zuhause; bei leicht Erkrankten und rekonvaleszenten Patienten sei eine Sauerstofftherapie auch dort möglich. Telemedizinische  Methoden könnten bei der medizinischen Überwachung helfen. Die Kliniken sollten sich auf die Behandlung der kritisch Kranken fokussieren. Der Schutz des Klinikpersonals, der Ärzte und Pflegekräfte, sollte dabei Vorrang haben. Wichtig, weil effektiv, sei zudem das Konzept der sozialen Distanzierung. In China habe dadurch die Übertragung um etwa 60 Prozent reduziert werden können. 

Leicht „abgeflachte Wachstumskurve" in Deutschland 

Nach den vielen Hiobsbotschaften der letzten Tage und Wochen hat es gestern auch eine etwas erfreuliche Botschaft gegeben. Neue Fallzahlen lassen laut Robert-Koch-Institut hoffen, dass die Einschränkungen des öffentlichen Lebens wirken und die Ausbreitung des Coronavirus wie erhofft bremsen. Es gebe zumindest einen Trend, dass die „Wachstumskurve etwas abflacht“, so „vorsichtig optimistisch“ RKI-Präsident Lothar Wieler. 

Eine ähnlich erfreuliche Meldung haben gestern Mainzer Wirtschaftswissenschaftler um Professor Dr. Klaus Wälde  veröffentlicht: Die Rate der durch das Coronavirus verursachten COVID19-Erkrankungen in Deutschland sei vom Montag bis zum Freitag der vergangenen Woche von zuvor durchschnittlich 27 Prozent auf 21 Prozent pro Tag gesunken. Hier könnten erste Auswirkungen von Verhaltensänderungen am Arbeitsplatz oder Einschränkungen bei Veranstaltungen sichtbar werden. Außerdem bestehe die Hoffnung, dass die Zuwachsrate durch die von Bund und Ländern beschlossenen Maßnahmen in dieser Woche weiter abnehme. Für gesicherte Aussagen müsse allerdings noch ein paar Tage gewartet werden. „Selbst wenn die gemessenen Wachstumsraten an dem ein oder anderen Tag deutlich niedriger liegen sollten, muss das kein systematischer, also andauernder Effekt sein“, sagt Wälde. Einzelne Werte könnten stark durch Zufallseinflüsse bestimmt sein, zum Beispiel mehr oder weniger verfügbare Testkapazitäten oder Messfehler. Wälde geht davon aus, „dass wir am kommenden Freitag mit 95-prozentiger Sicherheit wissen werden, ob die von Bund und Ländern am 13. März getroffenen Maßnahmen erfolgreich waren“.