Isländische Corona-Virus-Studie: Antikörper-Titer über mehrere Monate konstant

  • New England Journal of Medicine

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die Antikörper-Reaktion ist in einer aktuellen Studie bei isländischen Patienten mit SARS-CoV-2-Infektion innerhalb von vier Monaten nach der Diagnose konstant geblieben. Die Autoren der Studie um den Genforscher Kari Stefansson (deCODE Genetics–Amgen) schätzen das infektionsbedingte Sterberisiko auf 0,3 Prozent.

Hintergrund

Wie stark eine Antikörper-Reaktion bei Infektion mit dem neuen Corona-Virus ausfällt und wie lange sie anhält, sind insbesondere für die Impfstoff-Entwicklung und für kommende Impf-Programme wichtige Fragen. Befürchtet, wird unter anderem, dass infizierte Patienten relativ rasch wieder Antikörper-negativ werden und sich erneut infizieren könnten. Eindeutige Antworten gibt es bislang nicht. Die Autoren der vorliegenden Studie wollten daher die Seroprävalenz des neuen Corona-Virus in der isländischen Bevölkerung und den Antikörper-Verlauf innerhalb der ersten vier Monate nach der Infektion ermitteln. 

Design

Die Wissenschaftler bestimmten bei 30.575 isländischen Bürgern (8,4% der Gesamtbevölkerung) mit sechs Assays die Titer der spezifischen Antikörper gegen SARS-CoV-2. Zu den sechs Assays gehörten auch zwei Pan-Ig-Assays. Seropositivität wurde dann angenommen, wenn beide Pan-Ig-Assays positiv ausfielen. Darüber hinaus wurden 2102 Proben von 1237 Personen bis zu vier Monate nach der Diagnose mit einem quantitativen PCR-Test (qPCR; PCR: polymerase-chain-reaction) untersucht. Zudem bestimmten die Forscher die Antikörper bei 4223 Personen mit Virus-Exposition, die sich daher in Quarantäne befanden, sowie bei 23.452 Personen ohne bekannte Virus-Exposition.

Hauptergebnisse 

  • Von 1215 Personen, die sich von der Infektionskrankheit erholt hatten, waren 1107 (91,1%) seropositiv.
  • Die Antikörper-Titer, bestimmt mit den zwei Pan-Ig Assays, stiegen innerhalb der ersten beiden Monate nach der Diagnose (durch aPCR) an und blieben bis zum Ende der Studie auf dem erreichten Titer-Niveau.
  • Von den Personen in Quarantäne waren 2,3 Prozent seropositiv, von den Personen ohne bekannte Virus-Exposition  waren es 0,3 Prozent. 
  • Nach den Schätzungen der Forscher steckten sich 0,9 Prozent der Isländer mit dem neuen Coronavirus an. Tödlich war die Erkrankung bei 0,3 Prozent. 
  • 56 Prozent aller Infektionen wurden laut Schätzungen der Forscher durch einen qPCR-Test diagnostiziert; bei 44 Prozent der Infizierten in Island wurde die Infektion mittels PCR-Test hingegen nicht erkannt. 

Klinische Bedeutung

Ein zentraler Befund der isländischen Forscher ist dem Editorial zufolge: Die Immunreaktion ist offenbar über längere Zeit stabil. Die Antikörper-Reaktion ist von entscheidender Bedeutung zum einen für die Beseitigung der Viren und zum anderen für den Schutz vor einer Reinfektion. Ein Zusammenhang zwischen der humoralen Immunreaktion und dem Schutz vor einer erneuten Infektion wurde bei Rhesus-Affen bereits belegt. Bei Menschen ist es noch unklar, wie die Autoren berichten. Unabhängig von diesem Zusammenhang lasse die niedrige Seroprävalenz von SARS-CoV-2-Antikörpern in Island befürchten, dass die isländische Bevölkerung für eine zweite Infektionswelle anfällig sei, schlussfolgern Stefansson und seine Kollegen. Da auch in anderen Ländern einschließlich Deutschland die Seroprävalenz als niedrig eingeschätzt wird, gilt diese Sorge wohl auch für diese Länder. Die Konsequenz für den Alltag: Die bekannten AHA-Regeln sollten unbedingt eingehalten werden - nicht allein wegen des neuen Coronavirus, sondern auch wegen der nahenden Influenza-Saison.

Finanzierung: deCODE Genetics–Amgen