Iranische Studie stärkt das Konzept der Polypille


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Das Konzept der Polypille hat sich erneut in einer klinischen Studie bewährt: Das Präparat mit den vier Wirkstoffen ASS, Atorvastatin, Hydrochlorothiazid und entweder Enalapril oder Valsartan hat die Studienteilnehmer effektiv vor Herzinfarkten und Schlaganfällen geschützt. Dennoch gibt es auch kritische Stimmen.

Überwiegend Primärprävention

An der im Iran durchgeführten Studie nahmen knapp 7000 Personen im Alter von 40 bis 75 Jahren teil; etwa 20 Prozent waren über 65 Jahre alt. Rund elf Prozent hatten eine kardiovaskuläre Erkrankung, knapp die Hälfte Bluthochdruck und um die 15 Prozent Diabetes mellitus. 3417 Teilnehmer erhielten eine nicht-pharmakologische Therapie (Schulungen zu einem gesunden Lebensstil); 3421 bekamen einmal täglich die Polypille mit vier Wirkstoffen (Hydrochlorothiazid 12,5 mg, ASS  81 mg, Atorvastatin 20 mg und Enalapril 5 mg oder Valsartan 40 mg). Primärer Endpunkt waren schwere kardiovaskuläre Ereignisse ((unter anderem tödlicher Herzinfarkt, plötzlicher Herztod, tödlicher und nicht tödlicher Schlaganfall sowie Herzinsuffizienz). 

Sehr hohe Therapietreue

Die Adhärenz der Teilnehmer war den Autoren zufolge sehr gut; über 80 Prozent hätten die meisten Polypille eingenommen. Während der Beobachtungszeit kam es bei 301 (8,8%) der Teilnehmer mit der nicht-pharmakologischen Behandlung zu einem schweren kardiovaskulären Ereignis, in der Gruppe mit der Polypille war dies bei 202 (5,9%) der Probanden der Fall. Daraus ergab sich eine relative Risikoreduktion um 44 Prozent (adjustierte HR 0,66, 95% CI 0,55–0,80). Diese Risikoreduktion war noch größer, wenn die Analyse auf die Teilnehmer mit hoher Adhärenz zur Polypille beschränkt wurde (adjustierte HR 0,43, 95% CI 0,33–0,55). Während der fünfjährigen Beobachtungsphase erlitten 21 Teilnehmer eine intrakranielle Blutung, in der Gruppe mit der Polypille waren es zehn, in der Vergleichsgruppe elf. Gastrointestinale Blutungen gab es bei 13 Probanden mit der Polypille und bei neun in der Gruppe mit der Minimal-Therapie. 

ASS in einer Polypille zur Primärprävention?

Ob das Konzept der Polypille - die Versorgung großer Bevölkerungsgruppen in armen Ländern mit einer preiswerten Therapie — wirklich so sinnvoll ist, wie die Ergebnisse annehmen lassen, wird bezweifelt. Denn diese Studie wurden vor 14 Jahren konzipiert; in den vergangenen Jahren sind  jedoch Studien erschienen, die gegen eine kardiovaskuläre Primärprävention mit ASS bei älteren Menschen sprechen. Er sei skeptisch, was die undifferenzierte Therapie unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen mit einem solchen Kombinations-Präparat angehe, so etwa der US-Kardiologe Professor Steven Nissen (Cleveland). Für diese Versorgung spricht sich hingegen der kanadische Epidemiologe Professor Salim Yusuf aus, der sich seit Jahren mit dem Konzept der Polypille befasst und derzeit eine multinationale Studie (Akronym TIPS 3) leitet, in der eine Polypille mit drei Antihypertensiva (25 mg Hydrochlorothiazid, 100 mg Atenolol, 10 mg Ramipril) und 40 mg Simvastatin getestet wird.  Außerdem erhalten die Teilnehmer noch ASS (75 mg) und Vitamin D (60.000 IU monatlich). Ebenso wie Yusuf sehen auch die kommentierenden Wissenschaftler Dr. Anushka A. Patel (Sidney) und Dr. Mark D Huffman (Chicago) die iranische Studie als einen weiteren wichtigen Schritt im globalen Kampf gegen kardiovaskuläre Erkrankungen.

Finanzierung: Tehran University of Medical Sciences, Barakat Foundation und Alborz Darou