Internetbasierte Interventionen für Chroniker sinnvoll

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  • aus Karl-Heinz Patzer
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Internet- oder mobilebasierte Interventionen, sogenannte IMIs, haben als interaktive Selbsthilfeprogramme zur Therapiebegleitung längst Einzug in die Medizin gehalten. Eine Metaanalyse der Universität Ulm konnte nun zeigen, dass Patienten mit chronischen körperlichen Erkrankungen von IMIs profitieren.

Hintergrund

Das Ziel von internet- oder mobilbasierten Interventionen, IMIs, liegt in der Verhaltensänderung des Patienten in Richtung Stärkung gesundheitsfördernder oder Abbau gesundheitsschädlicher Verhaltensweisen. Dazu zählen etwa die Vermittlung von Selbstmanagement-Strategien via E-Mail oder App, Therapieunterstützung durch spezielle Online-Programme oder Selbstkontrollen durch interaktive Therapietagebücher. Die Anwendungsgebiete sind zahlreich und reichen von der Prävention wie Raucher- und Alkoholentwöhnung über die Therapiebegleitung etwa zur besseren Medikamentenadhärenz bis hin zur Nachsorge zum Beispiel begleitend zum weiteren Management von Diabetes, Krebs, Asthma oder koronarer Herzerkrankung. Viele Studien zur Veränderung von Lebensstilfaktoren und zur psychosozialen Co-Behandlung von körperlichen Erkrankungen lieferten bislang Hinweise auf das Potenzial von IMIs. Jetzt wurde von Autoren der Universität Ulm erstmals die Evidenzlage zusammengefasst.

Design

Zur Überprüfung der Effektivität von IMIs erfolgte eine selektive Literaturrecherche in den Datenbanken PubMed und Cochrane. Die Autoren um Prof. Harald Baumeister vom Institut für Psychologie und Pädagogik der Universität Ulm bezogen insgesamt 30 Reviews in den systematischen Teil der Arbeit ein, die auf mehr als 150 randomisierten und kontrollierten Studien psychologischer IMIs basieren. Dabei konnte es sich um Onlineprogramme handeln, die Arzt und Patient in die Behandlung integrieren, oder solche, die der Patient alleine umsetzt. Die psychosozialen IMIs wurden in den analysierten Übersichtsarbeiten mit Wartelistenkontrollgruppen, einer Minimalintervention oder gar keiner Intervention verglichen.

Hauptergebnisse

Die Übersichtsarbeit liefert Evidenz für die potenzielle Effektivität von IMIs, die auf Lebensstilfaktoren und die Unterstützung medizinischer Behandlungen abzielen. Sie bewirken, dass die betroffenen Patienten ungünstiges Verhalten ändern, das in Zusammenhang mit ihrer chronischen Erkrankung steht. Zudem konnte gezeigt werden, dass IMIs die körperliche Aktivität fördern und Risikofaktoren wie Rauchen oder Alkoholkonsum günstig beeinflussen können - allerdings nur mit geringen nachweislichen Effekten. Zusätzlich können internetbasierte Interventionen die Therapie insbesondere bei Diabetes-Patienten und Menschen mit Schlafstörungen positiv unterstützen. Die systematische Literaturrecherche zeigte jedoch auch, dass die Akzeptanz von IMIs in den jeweiligen Zielgruppen relativ gering ist.

Klinische Bedeutung

Die Autoren kommen zu dem Fazit, dass internetbasierte Interventionen bewirken, dass Patienten ihr Verhalten ändern, um so die medizinische Behandlung einer chronischen körperlichen Erkrankung zu unterstützen. IMIs stellten eine Möglichkeit zur Optimierung unseres Gesundheitswesens dar, insbesondere wenn sie in einen systematischen Gesundheitsversorgungsplan für eine integrierte digitale und patientenorientierte Versorgung eingebunden sind. Innerhalb solcher Programme könnten IMIs Lebensstilfaktoren, zugrunde liegende oder vermeidbare Erkrankungen sowie Komorbiditäten adressieren Die Ergebnisse sind jedoch noch heterogen, und die Evidenzgrundlage in Bezug auf spezifische Settings ist begrenzt. Eine Diskussion über mögliche Wege zur Implementierung dieser Techniken in unsere Gesundheitsversorgung wird dadurch erschwert. Es bedarf weiterer Forschung bezüglich der Frage, inwieweit IMIs zur Verbesserung von krankheitsbezogenen physischen Endpunkten sowie klinischen Parametern wie Krankenhausaufenthalte, Morbidität und Mortalität beitragen können.