Internationale Studie zeigt: Impfskepsis ist weltweit ein Problem

  • Heike Dierbach

  • Dr. med. Thomas Kron
  • Aktuelles by Medscape
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Das Vertrauen der Bevölkerung in Impfungen und die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, ist instabil und durch äußere Ereignisse leicht zu beeinflussen, berichten Forscher in The Lancet. Sie haben Daten aus 149 Ländern untersucht. In vielen Regionen ist das Impfvertrauen gestiegen – in einigen allerdings auch gesunken. Deutschland liegt mit seinen Werten im hinteren Mittelfeld.

Mehr Vertrauen in Impfungen – mit Ausnahmen

Die WHO zählt Impf-Zurückhaltung (vaccine hesitancy) zu einer der 10 größten Gesundheitsgefahren weltweit. „Sie führt beispielsweise dazu, dass die Immunisierung gegen Masern stagniert oder sogar wieder abnimmt“, warnen Dr. Alexandre de Figueiredo und Kollegen in The Lancet. Sie arbeiten am Vaccine Confidence Project (VCP; Impfvertrauen-Projekts) mit, einer interdisziplinären Forschungsgruppe an der London School of Hygiene & Tropical Medicine. 

Das Team untersucht seit 2010 systematisch weltweit Einstellungen von Bürgern zum Impfen und bildet diese seit 2015 im Vaccine Confidence Index (VCI) ab. Für die aktuelle Arbeit wurden Daten von 2015 bis 2019 analysiert – speziell hinsichtlich abgestufter Zustimmung zu den Aussagen, dass Impfungen sicher, wichtig und effektiv sind.

Grob gesagt hat sich das Impfvertrauen in dieser Zeit weltweit eher verbessert. Die Autoren bilden dies mit einer Weltkarte ab. Waren 2015 noch etliche Länder orange eingefärbt (geringere Überzeugung, dass Impfungen wichtig sind), so sind es 2019 nur noch einzelne. Mehr Zustimmung zur Impfsicherheit gab es 2019 u.a. in Frankreich, Indien, Mexiko, Polen, Rumänien und Thailand.

Frankreich gehörte 2015 noch zu den Ländern mit der geringsten Zustimmung zu der Aussage „Impfungen sind sicher“. Nur 8,9% fanden dies damals. Ende 2019 waren es 29,7%. Dass Frankreich solche Probleme habe, liege unter anderem am Verhalten der dortigen Behörden, sagt Prof. Dr. Hans-Iko Huppertz, Generalsekretär der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), gegenüber Medscape/Univadis: „Dort wurde mehrfach auf einzelne Meldungen zum zeitlichen Zusammenhang von Impfungen und bestimmten Krankheiten überreagiert und Impfungen fälschlicherweise sofort gestoppt.“

Wissen und Vertrauen machen den Unterschied

In mehreren Ländern ist das Impfvertrauen aber auch gesunken, u.a. in Indonesien, auf den Philippinen, in Pakistan und in Südkorea. Teilweise hat dies spezifische Gründe. So stellten in Indonesien muslimische Führer den Sinn von Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln infrage. Schließlich belegten sie Impfungen sogar mit einer Fatwa, sprich einem religiösen Verbot, u.a. mit der Begründung, Vakzine enthielten Bestandteile von Schweinen.

Auf den Philippinen spielte ein neuer Impfstoff gegen das Denguefieber eine Schlüsselrolle. Ende 2017 veröffentlichte Sanofi ein Update zur Vakzine Dengvaxia™: Dieser sei nicht zu empfehlen für Menschen, die bisher nicht mit dem Erreger in Kontakt gekommen seien. „Dies führte zur Panik und Wut in der Bevölkerung, wo fast 850.000 Kinder die Impfung schon erhalten hatten“, schreiben die Autoren. Sie konnten auch Faktoren identifizieren, die dazu führen, dass Menschen sich oder ihre Kinder eher impfen lassen: Ein Zusammenhang mit dem Einkommen und der Religionszugehörigkeit war seltener. Mitunter waren vor allem Angehörige religiöser Minderheiten skeptischer.  

Impf-Skeptiker auch in Deutschland

Deutschland liegt beim Impfvertrauen im hinteren Mittelfeld, wie die Daten aus dem Anhang 2 der Studie zeigen. Die Zustimmung zur Aussage „Impfungen sind sicher“ stieg von 42,8% (Anfang 2015) auf 50,8% (Ende 2019), für „Impfungen sind wichtig“ von 66,1 auf 69,2 %.

Nur wenige Deutsche sind dezidiert gegen Impfungen: Die Ablehnung zur Aussage „Impfungen sind wichtig“ entwickelte sich von 2,0% in 2015 über 1,4% in 2018 bis 3% in 2019. Allerdings gibt es eine große Bevölkerungsgruppe (rund 20 bis 30%), deren Meinung zu Impfungen nicht gefestigt sind und die Vakzine mal mehr, mal weniger befürworten. Im Länder-Ranking bei der Frage der Impfwichtigkeit liegt Deutschland auf Platz 96.

Huppertz überraschen diese Zahlen nicht: „Das entspricht dem, was Sie auch als Kinderarzt in ihrer Praxis erleben.“ Etwa 25% der Eltern seien zunächst skeptisch gegenüber Impfungen. „Die sind dann aber in der Regel durch die Macht der Argumente gut zu überzeugen.“ Geraten diese 25% aber an einen impfkritischen Arzt, fühlten sie sich in ihren Befürchtungen bestätigt und verzichteten auf Impfungen.

„Und es gibt leider eine kleine Gruppe von schwarzen Schafen unter den Ärzten, deren Geschäftsmodell darin besteht, gegen Impfungen zu sein.“ Für Huppertz haben diese Kollegen den Boden der wissenschaftlichen Medizin verlassen. „Hier müssten die Ärztekammern aktiv werden und diese Mediziner vorladen und befragen.“ Denn welcher Arzt kaum, wenig oder zu spät impfe, sei durch Abrechnungsdaten bekannt.

In einem Kommentar in The Lancet  fordern Prof. Dr. Daniel A. Salmon und Dr. Matthew Z. Dudley von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore mehr Engagement auch der Wissenschaft: „Es ist an der Zeit, Ernst zu machen mit dem Impfvertrauen.“ Für die meisten Befürchtungen der Bevölkerung bezüglich Impfungen gebe es keine wissenschaftlichen Belege. „Allerdings ist die Wissenschaft langsam darin, Behauptungen zu Impfungen zu widerlegen.“ Der Mythos von der Masernimpfung, die Autismus verursache, sei dafür ein Beispiel: Obwohl dies in 16 gut gemachten Studien widerlegt wurde, glaubten es immer noch schätzungsweise bis zu 30% der Bevölkerung.

 

Dieser Artikel ist im Original erschienen auf medscape.de.