Insulinpumpentherapie erweist sich als vorteilhaft

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  • von Karl-Heinz Patzer
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaft

Insulinpumpen werden von immer mehr Typ-1-Diabetespatienten verwendet: Nutzten 1995 noch knapp ein Prozent der Betroffenen ein sogenanntes CSII-System (continous subcutaneous insulin infusion), sind es heute bereits über die Hälfte aller Betroffenen unter 20 Jahren und bei Kindern unter sechs Jahren sogar über 90 Prozent. Doch bietet eine Insulinpumpentherapie effektive Vorteile gegenüber der Spritzentherapie? Eine großangelegte Studie mit Daten aus Deutschland, Österreich und Luxemburg hat dies kürzlich untersucht und kommt zu einer eindeutigen Antwort: Ja.

Hintergrund

300.000 Menschen in Deutschland leiden an Typ-1-Diabetes. Unter ihnen sind mehr als 30.000 Kinder und Jugendliche unter 19 Jahren. Die meisten werden inzwischen mit einem CSII-Gerät behandelt. Bei der Pumpentherapie wird das Insulinpräparat nicht mittels Spritze oder Insulin-Pen mehrmals am Tag subkutan injiziert, sondern von einer kleinen, programmierbaren Pumpe über einen Katheter und eine Injektionsnadel in den Körper geleitet. Die Pumpe wird dauerhaft am Körper getragen, kann aber unter bestimmten Voraussetzungen auch für mehrere Stunden abgelegt werden.

Studiendesign

Um die Frage zu klären, ob und welche Vorteile eine Pumpentherapie gegenüber der Spritzentherapie bietet, haben Wissenschaftler der RWTH Aachen Daten aus der Prospective Diabetes Follow-up-Registry (DPV) Initiative ausgewertet, in die Befunde aus mehr als dreihundert Diabeteszentren in Deutschland, Österreich und Luxemburg einfließen. Dass Register deckt etwa 80 Prozent aller Patienten mit Typ-1-Diabetes aus diesen Ländern ab. Insgesamt wurden die Befunde von mehr als 19.000 Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren mit Typ-1-Diabetes - 9814 mit Insulinpumpentherapie, 9814 mit einer Spritzentherapie (mindestens 4 Injektionen pro Tag) - verglichen. Auf dem Prüfstand standen die benötigte Insulinmenge, die Qualität der Blutzuckerkontrolle, die Häufigkeit von Unterzuckerungen sowie schweren Stoffwechselsentgleisungen. Die beiden Gruppen waren hinsichtlich Alter, Geschlecht, Diabetesdauer, Migrationshintergrund, Gewicht und HbA1c-Wert vergleichbar, so dass diese Faktoren die Ergebnisse nicht beeinflussten. Der Untersuchungszeitraum betrug fünf Jahre und lag zwischen Januar 2011 und Dezember 2015.

Studienergebnisse

Die Datenanalyse zeigte, dass unter einer Pumpentherapie deutlich seltener schwere Unterzuckerungen (9,55 versus 13,97 pro 100 Patienten und Jahr) und Entgleisungen mit Bewusstlosigkeit (2,30 im Vergleich zu 2,96 pro 100 Patienten und Jahr) auftraten, als bei einer Behandlung mit mehrfach täglichen Insulininjektionen. Auch gab es seltener ketoazidotische Entgleisungen (3,64 im Vergleich zu 4,26 pro 100 Patienten und Jahr). Zudem war auch die Blutzuckerkontrolle, gemessen am HbA1c-Wert, in der Gruppe der CSII-Anwender  besser (8,04 Prozent im Vergleich zu 8,22 Prozent). Und: Die mit Insulinpumpen ausgestatteten Patienten benötigten weniger Insulin als die Vergleichsgruppe (0,84 im Vergleich zu 0,98 Einheiten pro Kilogramm Körpergewicht und Tag). Diese Unterschiede waren jeweils statistisch signifikant. Lediglich hinsichtlich der Auswirkungen auf das Körpergewicht zeigten sich keine Differenzen zwischen beiden Gruppen.

Klinische Bedeutung

Die S3-Leitlinie zur Therapie des Typ-1-Diabetes empfiehlt insbesondere bei häufigen Unterzuckerungen, sehr schwankenden Blutzuckerwerten und unzureichender glykämischer Kontrolle eine Therapie mit Insulinpumpe. Die Studie bestätigt diese Empfehlung bei jungen Typ-1-Diabetikern. Die Insulinpumpentherapie zeige gegenüber mehrfach täglichen Insulininjektionen deutliche Vorteile, so die Studienautoren. Das treffe sowohl für die Gefahr von Unterzuckerungen oder ketoazidotischen Stoffwechselentgleisungen als auch für die Blutzuckerkontrolle und den Insulinverbrauch zu. Dazu der Präsident der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG), Dirk Müller-Wieland: „Nach aktuellem internationalem Kenntnisstand in der Diabetologie sind Insulinpumpen insbesondere bei Patienten mit stark schwankenden Blutzuckerwerten derzeit die sicherste Methode, den Langzeit-Blutzuckerwert HbA1c niedrig zu halten sowie Unterzuckerungen oder einen akuten Insulinmangel zu verhindern.“