In vollen Zügen: Erstmals ist das SARS-Ansteckungsrisiko beim Bahnfahren quantifiziert worden

  • Clinical Infectious Diseases

  • von Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Erstmals seit Auftreten des neuartigen Coronavirus ist das Risiko, sich während einer Zugfahrt bei einem Infizierten anzustecken, quantifiziert worden. Das Ansteckungsrisiko variiert in Abhängigkeit von der Nähe zu infizierten Mitreisenden und zur Reisedauer. Es liegt bei durchschnittlich 1,5 % für einen nicht infizierten Passagier, der in derselben Reihe mit einem infizierten sitzt. Liegen die Plätze direkt nebeneinander, beträgt das Risiko 3,5 %. In dieser Konstellation steigt es pro gemeinsamer Fahrstunde um 1,3 %, bei nicht benachbarten Plätzen um 0,15 %.

Hintergrund

Als eine der Ursachen, warum sich das neuartige Coronavirus Ende vergangenen und Anfang dieses Jahres zunächst in China so rasant ausgebreitet hat, wird die intensive Reisetätigkeit der Bevölkerung um den Jahreswechsel herum vermutet. Außer dem Auto ist in China ebenso wie in Europa der Zug das beliebtetste Transportmittel. Im Januar 2020 sind circa 150 Millionen Menschen in China mit dem Zug gereist, die Mehrheit mit einem der Hochgeschwindigkeitszüge. Die aktuelle Studie entstand in Kooperation britischer und chinesischer Forscher.

Design

  • Datenbasis: 2.568 laborgesicherte und symptomatische SARS-CoV-2-Fälle bei Personen, die zwischen dem 19. Dezember und dem 6. März mit einem der Hochgeschwindigkeitzüge in Festland-China gereist sind
  • Lokalisierung der Personen im Zug: Informationen über den Sitzplatz des oder der Infizierten und die Plätze der Mitreisenden innerhalb von 3 Sitzreihen wurden dem Studienteam vom Betreiber der Züge erteilt
  • Anordnung der Sitzplätze im Zug:
    • Reihe: 5 nebeneinanderliegende Sitzplätze nach 3 Plätzen kommt ein Mittelgang
    • keine Abteils oder gegenüberliegende Plätze, man sitzt neben- oder hintereinander.

Hauptergebnisse

  • Von 2.334 Indexpersonen lagen komplette Daten vor. Es gab enge Kontakte der infizierten Personen mit 72.093 anderen Menschen innerhalb von 3 Sitzreihen. 234 Personen wurden als sekundär infiziert ermittelt.
  • Passagiere in derselben Reihe wie ein Indexpatient hatten ein durchschnittliches Risiko von 1,5 %, sich zu infizieren (142 Ansteckungen bei 9.299 Kontaktpersonen), das war ein circa 10 mal so hohes Risiko wie für Personen, die in mindestens 1 Reihe Abstand voneinander saßen.
  • Auch beim Abstand von mehr als 3 Reihen gab es noch ein feststellbares Ansteckungsrisiko, aber es war sehr gering.
  • Das durchschnittliche Ansteckungsrisiko der Passagiere innerhalb einer Reihe nahm um 1,6 % ab, wenn mindestens einer von 5 Sitzen frei war. Das geringste Risiko hatten Personen, die allein in einer Reihe saßen (
  • Das Risiko, sich zu infizieren, erhöhte sich um durchschnittlich 0,15 % pro Stunde gemeinsamer Fahrt - und je näher der Sitzplatz eines Infizierten zum Nicht-Infizierten, desto mehr. Liegen die Plätze direkt nebeneinander, beträgt das Risiko 3,5 %. In dieser Konstellation steigt es pro Stunde der gemeinsamen Fahrt um 1,3 %, bei nicht benachbarten Plätzen um 0,15 %.

Klinische Bedeutung

Die Modellrechnung dieser Studie sei auf einer großen, realen Datenbasis erfolgt und habe hohe Praxisrelevanz, so die Autoren: für den Einzelnen, aber auch für die Politik, die über Regeln zur Prävention entscheidet. Die Studie belege eine Abhängigkeit des Ansteckungsrisikos bei Bahnfahrten von der Entfernung zum Infizierten und zur Dauer der Reise. Soziale Distanz, also eine möglichst lockere Sitzplatzbelegung im Zug, sei hilfreich, um sich zu schützen. Dies relativiere aber nicht die Schutzeffekte anderer Maßnahmen wie Hygiene und Mund-Nasen-Masken. Die Bedeutung solch weiterer Einflussfaktoren habe in dieser Studie nicht untersucht werden können.

Finanzierung: öffentliche Mittel