In onkologischen Schwerpunktpraxen erhält nur eine Minderheit der Patienten eine Ernährungsberatung

  • Deutsche Medizinische Wochenschrift

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Eine Befragung onkologischer Schwerpunktpraxen liefert erstmals eine Abschätzung der Häufigkeit der Mangelernährung bei ambulanten Patienten. Mit zwei verschiedenen Instrumenten wurde die Häufigkeit des Problems auf annähernd 30 % geschätzt.

Hintergrund

Zum Ernährungsstatus deutscher Krebspatienten in ambulanten Einrichtungen gibt es nach Angaben der Autoren keine Daten. Sie verweisen allerdings auf Untersuchungen, die eine Prävalenz der Mangelernährung unter Krebspatienten zwischen 20 und 60 % anführen. Dies gefährdet den Erfolg der Primärtherapie, führt zu mehr Komplikationen und beeinträchtigt die Lebensqualität der Betroffenen.

Design

Ziel der in Südbayern durchgeführten Erhebung war es, das Risiko einer Mangelernährung bei Patienten onkologischer Schwerpunktpraxen zu erfassen. 44 Praxen wurden eingeladen, darunter 20, die dem Tumorzentrum München (TZM) angeschlossen waren. 765 Patienten (60,9 % Frauen, Altersdurchschnitt 63,1 Jahre), die im Zeitraum während des Besuchs zweier Mitarbeiter (mehrere Tage bis Wochen) in die Praxen kamen, mindestens 18 Jahre alt waren, ausreichende Deutschkenntnisse hatten, und in die Befragung einwilligten, beantworteten einen strukturierten Fragebogen mit 58 Punkten. Darin integriert waren die validierten Screening-Fragebögen Malnutrition Universal Screening Tool (MUST) und Nutritional Risk-Screening-2002 (NRS-2002), die auch von der Deutschen Gesellschaft für Ernährungsmedizin (DGEM) empfohlen werden.

Ergebnisse

  • Nur 17 der 44 eingeladenen Schwerpunktpraxen nahmen an der Untersuchung teil, darunter 12 beim TZM. In 3 dieser Praxen wurde präventiv allen Patienten eine Ernährungsberatung angeboten, in 10 Praxen „wenn der Ernährungszustand dies erforderte“. Lediglich eine Praxis führte beim Erstkontakt ein Screening auf Mangelernährung durch.
  • 47,5 % der Patienten durchliefen zum Zeitpunkt der Befragung eine Chemo- und/oder Strahlentherapie. 29,9 % hatten nach der Diagnose eine Ernährungsberatung erhalten.
  • Gemäß dem MUST-Wert hatten 15,4 % der Patienten ein mittleres Gesamtrisiko für eine Mangelernährung; 19,5 % hatten ein hohes Risiko. Besonders häufig wurde dies bei Tumoren des Verdauungssystems beobachtet (34 %). Der durchschnittliche Gewichtsverlust in den letzten 3 – 6 Monaten betrug für alle Patienten 2,7 kg; 14,2 % verloren mehr als ein Zehntel des Ausgangsgewichts.
  • Laut dem NRS-2002-Fragebogen hatten 29,1 % ein erhöhtes Risiko, und am häufigsten waren Patienten mit Tumoren des lymphatischen oder blutbildenden Gewebes betroffen (63,3 %)

Klinische Bedeutung

Klar ist, dass eine Mangelernährung auch bei Tumorpatienten im ambulanten Sektor weit verbreitet ist. Unklar ist jedoch, inwiefern die gewonnenen Daten für das deutsche Gesundheitssystem repräsentativ sind. Womöglich unterschätzen sie das Problem, weil die Nicht-Teilnahme an der Untersuchung mit geringerem Interesse an dem Thema und einer diesbezüglich unterdurchschnittlichen Versorgung der Patienten assoziiert sein könnte.

Finanzierung: Else-Kröner-Fresenius-Stiftung.