Impfen oder nicht impfen - das sollte keine Frage mehr sein

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Influenza-Viren und auch andere Erreger sind eine Gefahr für Herz, Hirn und Gefäße. Das ist schon recht lange bekannt. Erhöhte Sterberaten infolge kardiovaskulärer Erkrankungen während Influenza-Epidemien wurden bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts festgestellt. Inzwischen sind viele Studien erschienen, die einen Zusammenhang zwischen der Infektion und Herz- und Gefäß-Krankheiten belegen.

Risiko nicht nur kurzfristig erhöht

Erst vor wenigen Wochen wurden auf einer internationalen Schlaganfall-Konferenz (Honolulu) zwei Studien vorgestellt, die darauf hinweisen, dass Patienten mit Influenza-ähnlicher Erkrankung ein erhöhtes Risiko für ischämische Schlaganfälle haben und ihnen möglicherweise sogar eine Dissektion der zervikalen Gefäße droht. In der ersten Studie fanden Professorin Amelia K. Boehme (Columbia-Universität New York) und ihre Mitarbeitern bei Patienten mit Influenza-ähnlicher Erkrankung, dass das Risiko für einen ischämischen Schlaganfall innerhalb von rund zwei Wochen um fast 40 Prozent zunimmt. Die Autoren der zweiten retrospektiven Studie fanden einen Zusammenhang zwischen einer Influenza-ähnlichen Erkrankung und einer Dissektion der Zervikalarterien, wobei der Zusammenhang innerhalb der ersten 30 Tage am stärksten ist, mit der Zeit also abnimmt. Dies spreche dafür, dass die Infektion die Dissektion triggere, so Erstautorin Madeleine Hunter, ebenfalls von der Columbia-Universität in New York. 

Einen Beleg für das erhöhte kardiovaskuläre Risiko bei Influenza hat auch eine letztes Jahr veröffentliche Studie geliefert: Danach ist insbesondere eine Infektion mit Influenza-B-Viren kardial riskant, und zwar riskanter als eine Infektion mit Influenza-A-Viren. Auch bei Pneumonien (Pneumokokken und auch Hämophilus influenzae) bestehe ein erhöhtes Infarkt-Risiko, insbesondere zu Beginn der Erkrankung und bei besonders schweren Pneumonien, berichteten vor wenigen Tagen Infektiologen um Dr. Daniel M. Musher im „New England Journal of Medicine“ . So zeige eine kürzlich publizierte Studie, dass Infektionen mit Influenza-, RS-Viren und anderen, den Respirationstrakt befallenden Viren innerhalb der Woche nach der Labor-Diagnose mit einem 6-, 4- und 3-fach höheren Infarkt-Risiko einhergingen als im Jahr vor dem Infekt.Und bei Patienten, die wegen einer Pneumokokken-Pneumonie in einem Krankenhaus behandelt worden seien, habe eine andere Studie eine Infarktrate von 7 bis 8 Prozent ergeben. Der Zusammenhang zwischen Lungenentzündung und Herzinfarkten wurde auch bei anderen Pneumonie-Erregern nachgewiesen. Das höchste Infarktrisiko bestehe bei Beginn der Pneumonie; es sei außerdem umso größer, je schwerer die Lungenentzündung sei. 

Der Zusammenhang zwischen akuten Infektionen und Herzinfarkten ist aber nicht auf die Zeit der Infektion beschränkt, auch danach ist das Risiko laut Musher noch erhöht. Bei Pneumonie-Patienten etwa nimmt das Risiko mit der Zeit zwar ab, ist aber sogar bis zu zehn Jahre nach der Erkrankung noch immer höher als davor. 

Herzinfarkte bei Infektionen: unterschiedliche Mechanismen

Mehrere Mechanismen können Musher zufolge bei Infektionen zu Koronarverschlüssen führen:

  • So hätten Untersuchungen mit Tieren sowie Autopsie-Studien bei Menschen gezeigt, dass nach einem infektiösen Stimulus in atheromatösen Plaques Entzündungszellen aktiv werden, angeregt durch Zytokine. Die mögliche Folge: eine Destabilisierung der Plaques.
  • Das Risiko für koronare Thrombosen im Plaque-Bereich wird außerdem durch den prothrombotischern und prokoagulatorischen Zustand bei akuten Infekten gefördert. 
  • Infektionen mit Influenza-Viren und anderen den Respirationstrakt befallenden Viren sind mit der Expression von Genen assoziiert, die mit einer Aktivierung der Thrombozyten und einem erhöhten Infarkt-Risiko verbunden sind.
  • Insbesondere bei älteren Menschen kann es sein, dass ein erhöhter Energiebedarf aufgrund stenose-bedingt verminderter kardialer Perfusion nicht gedeckt werden kann, wobei das Missverhältnis möglicherweise noch durch eine toxinvermittelte Vasokonstriktion verstärkt wird.
  • Tier-Experimenten zufolge können Infektionserreger, etwa Influenza-Viren, die Muskelzellen des Myokards direkt schädigen und so die myokardiale Funktion beeinträchtigen.

Wie schützen?

Schützen können offenbar Impfungen, wie etwa eine 2013 publizierte Metaanalyse  von randomisierten und kontrollierten Studien zeigte: Sie ergab ein um 36 Prozent geringeres Risiko für kardiovaskuläre Komplikationen bei Erwachsenen, die gegen Influenza geimpft waren. Besonders KHK-Patienten profitierten von dem Impfschutz. Eine weitere Metaanalyse  zeigte auch nach Pneumokokken-Impfung von älteren Menschen eine verminderte Infarktrate. Eine Auswertung der Daten von Patienten mit Herzinsuffizienz, die sich jedes Jahr gegen Grippe impfen ließen, ergab darüber hinaus eine geringere Gesamtmortalitätsrate und kardiovaskuläre Sterberate ( „Circulation“ ). Die Schutzwirkung nahm mit der Zahl der Impfungen außerdem zu: Eine Impfung ging mit einem um elf Prozent verminderten Sterberisiko einher, bei über drei Impfungen waren es 28 Prozent.

Primärprävention bei Infekten mit ASS oder Lipidsenkern?

Eine noch unbeantwortete Frage ist laut Musher die, ob etwa Statine und Thrombozytenaggregationshemmer für alle Patienten mit akuten Infektionen nützlich sind, auch für jene, bei denen es keine anderen Indikationen für diese Arzneimittel gibt. Bislang gebe es laut Musher nur wenige Hinweise auf einen möglichen protektiven Effekt. So zeigten Beobachtungsstudien weniger Infarkte nach Pneumonie bei Patienten mit Steroiden  und Angiotensin-Blockern.

Impfpflicht contra Impfgegner?

Noch weiter umstritten und vor allem im Zusammenhang mit Masern viel diskutiert ist die Frage, ob die möglichen Komplikationen von Infekten Gründe genug sind, für manche Impfungen eine Impfpflicht einzuführen. Genährt wird diese Diskussion insbesondere durch die weltweit zunehmende Zahl der Masern-Infektionen. Auch in Deutschland ist das Ziel der Ausrottung der Masern bislang deutlich verfehlt worden. Schuld an dieser Entwicklung sollen auch oder vor allem „Impfgegner“ sein, also Menschen, die der Meinung sind, der mögliche Schaden durch Impfungen überwiege deutlich den Nutzen, oder sogar bestreiten, dass Impfungen überhaupt einen Nutzen haben. Welche Bedeutung Impfgegner haben, verdeutlicht außer der Entwicklung bei den Masern das „Schicksal“ der HPV-Impfung in Japan . Dort gibt es, wie es vor wenigen Tagen in einer Mitteilung  hieß, seit einigen Jahren eine Debatte über das Impfen. Auslöser waren 2013 Medien-Berichte über Mädchen, die durch die Impfung angeblich schwere neurologische Schäden erlitten hätten. Die japanische Regierung hob daraufhin ihre HPV-Impfempfehlung auf. Zudem wurde 2016 eine tierexperimentelle Studie publik, die die HPV-Impfung zusätzlich diskreditierte. Die Folge: In Japan sind die HPV-Impfquoten von 70 Prozent (2013) auf heute 1 Prozent gefallen. Die inzwischen in Deutschland lebende Ärztin und Journalistin Dr. Riko Muranaka schreibt seit Jahren gegen diese Desinformationskampagnen an und erlebt seither massive Anfeindungen. So wurde ihr zum Beispiel vorgeworfen, eine von den Impfstoff-Herstellern bezahlte Lobbyisten oder sogar eine „WHO-Spionin“ zu sein. Dr. Shuichi Ikeda, der Autor der Mäusestudie, ist hingegen bis heute der von der Regierung beauftragte Hauptgutachter zur Einschätzung der HPV-Impfrisiken – und das, obwohl die Mitglieder eines Untersuchungsausschusses der Universität zu dem Urteil gelangten, dass Ikeda voreilig singuläre Studien-Befunde als  gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis dargestellt habe. 

Die WHO  zählt Impfgegner inzwischen zu den aktuell zehn wichtigsten Bedrohungen für die globale Gesundheit - ähnlich wie Ebola oder Antibiotikaresistenzen. Auf den ersten Blick starke Argumente für eine Impfpflicht. Aber ob eine solche Pflicht die Impfbereitschaft steigert, sei dahingestellt. Die Einführung einer Impfpflicht zur Eindämmung von Masern-Ausbrüchen sei womöglich sogar kontraproduktiv, erklärte vor einigen Monaten der Präsident des Robert-Koch-Instituts Lothar H. Wieler: Sie könnte das Vertrauen in die Vorteile von Impfungen untergraben. „Eine Impfpflicht könnte den Eindruck erwecken, dass diese sachlichen Argumente doch nicht so gut sind.“ Dringend erforderlich seien dagegen Informationskampagnen und aufsuchende Impfangebote.