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Impfbereitschaft: Ohne Vertrauen sind auch Fakten nur die „halbe Miete“

Homo sapiens gilt zwar seit Aristoteles als animal rationale. Doch Menschen sind auch irrationale Wesen, wie etwa die seit Jahren geführten Diskussionen um Nutzen und Risiken von Impfungen belegen. „Angst essen Impfbereitschaft auf“ lautete einmal die treffende Überschrift eines Beitrags im „Bundesgesundheitsblatt“. Ein besonders drastisches Beispiel ist die Behauptung mancher Impfgegnern, die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) könne zu Autismus führen. Diese von dem Ex-Arzt Andrew Wakefield kreierte Hypothese ist zwar schon längst widerlegt und der Urheber des wissenschaftlichen Fehlverhaltens überführt. Aber es gibt offenbar weiterhin Menschen, die an die „Fake-News“ von Wakefield und Co. glauben. Auf jeden Fall sind Masern immer noch ein weltweites und zunehmendes Problem . Auch in Deutschland ist die Zahl der Masern-Fälle wieder gestiegen. Im Jahr 2017 etwa wurden 929 Masernfälle gemeldet, 2016 dagegen nur 325. Infektiologen, Gesundheitspolitiker und die WHO weisen daher immer wieder darauf hin. Erst kürzlich nahm die WHO, wie berichtet, die Vermeidung oder Verzögerung von Impfungen sogar in die Liste der globalen Bedrohungen für die Gesundheit  auf.

Dänische Studie bekräftigt Sicherheit der MMR-Impfung

Das Ergebnis einer nun publizierten Studie ist daher, wenngleich nicht überraschend, sicher erfreulich: Denn die Auswertung der Daten von fast 660 000 Kindern, die in Dänemark zwischen 1999 bis 210 geboren wurden, und 6517 Autismus-Diagnosen ergibt in Übereinstimmung mit früheren Studien keine erhöhte Autismus-Rate bei Kindern, die gegen MMR geimpft wurden. Dies galt, wie die Autoren betonen, auch für unterschiedliche Subgruppen der Kinder (etwa Kinder mit Risikofaktoren, Autismus in der Familie) und für eine bestimmte Zeit nach einer Impfung ( „Annals of Internal Medicine“ ). Die Autoren schlussfolgern daher, dass die MMR-Impfung nicht das Autismus-Risiko erhöhe und auch bei anfälligen Kindern die Erkrankung nicht triggere. Mit ihrer Studie bekräftigen die dänischen Wissenschaftler Ergebnisse einer Studie, die sie 2002 im „New England Journal of Medicine“  publiziert hatten, und bestätigen darüber hinaus eine Metaanalyse , in der Daten von mehr als 1.2 Millionen Kinder ausgewertet wurden.

Aus wissenschaftlicher Sicht dürfte die Frage nach der Sicherheit der MMR-Impfung somit nun erschöpfend beantwortet sein. Leider muss davon ausgegangen werden, dass auch in diesem Fall Fakten nicht jeden Impfgegner überzeugen werden. Weitere wissenschaftliche Belege zur Sicherheit der MMR-Impfung seien hilfreich, aber nicht genug, kommentieren die US-Gesundheitswissenschaftler Dr. Saad B. Omer und Dr. Inci Yildirim (beide von der Emory University, Atlanta) die dänische Studien.

Wenig vertrauensfördernd: Intransparenz und Paternalismus

Worauf es vor allem ankommt, ist eben Vertrauen. Welche Bedeutung Vertrauen auch für die Impfbereitschaft hat, wurde zum Beispiel vor wenigen Jahren durch die Geschehnisse um die Schweinegrippe deutlich. Wissen und Nicht-Wissen seien nicht vollständig und transparent kommuniziert worden, statt Bürger zu informieren, seien diese oft paternalistisch behandelt worden, das Vertrauen der Öffentlichkeit in Impfungen und Institutionen sei dadurch beschädigt worden, schrieben 2010 rückblickend Dr. Markus Feufel und Professor Gerd Gigerenzer (Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin) sowie Professor Gerd Antes vom Deutschen Cochrane Zentrum (Universität Freiburg) im „Bundesgesundheitsblatt“  Wie wichtig Vertrauen in diesem Zusammenhang ist, weiß auch der Präsident des Robert-Koch-Instituts Lothar H. Wieler , den auch die Angst vor einem weiteren Vertrauensverlust dazu bewegt, sich gegen eine Impfpflicht auszusprechen.

Mehrere Ursachen und „Schuldige" 

Vertrauens-Verluste im Zusammenhang mit dem Impfen sind allerdings nicht Folge allein einer misslungenen Kommunikation der Vorteile und Risiken des Impfens. Der Verlust an Vertrauen hat viele Ursachen. Einen nicht unerheblichen Beitrag haben Wissenschaftler und wissenschaftliche Organisationen selbst geleistet, wie Berichte über Missstände im Wissenschaftsbetrieb zeigen, etwa über wissenschaftliches Fehlverhalten und über  halbseidene Publikationen selbst in Fachzeitschriften mit Peer Review. Nur zur Erinnerung: Die so schädliche Behauptung vom Zusammenhang zwischen Autismus und MMR-Impfung kam bekanntlich auch im Gewand seriöser Wissenschaft daher; Andrew Wakefields Studie erschien nicht in irgendeinem obskuren Blättchen, sondern immerhin im „Lancet”. 

Wenig vertrauensfördernd ist auch die Tatsache, dass es immer wieder mal Wissenschaftler und Meinungsbildner gibt, die ihre wissenschaftlichen Aussagen zuvor im Windkanal eines Sponsors designen lassen. Und auch Medien und ihre Vertreter - und sicher nicht nur Relotius - haben schon häufiger ihr Scherflein dazu beigetragen, dass das Vertrauen der Bürger in das, was sie in lesen, sehen oder hören, nicht grenzenlos ist.

Besonders unerfreulich ist in diesem Zusammenhang, dass vor allem soziale Medien so gut wie jeden Blödsinn verbreiten - also auch den mancher Impfgegner, wie vor wenigen Tagen etwa die „New York Times “ berichtet hat. Noch immer töte die Maserninfektion mehr als 100.000 Menschen pro Jahr, obwohl wir sie ausrotten könnten. Mitschuldig seien Google und Facebook, schreibt der „Spiegel“-Kolumnist Christian Stöcker. Insbesondere Google, Facebook und YouTube seien „Nährboden und Verstärker für Anti-Impf-Verschwörungstheorien. Weil Inhalte, die Angst und Wut auslösen, dort besonders gut laufen“, so Stöcker in seinem Beitrag zur „Tödlichen Dummheit“ der Impfgegner.

Einige dieser Internet-Unternehmen haben angekündigt, gegen den gefährlichen Blödsinn vorzugehen. Das mag sogar gelingen. Aber da Dummheit im Gegensatz zu Genialität unbegrenzt ist, wird wahrscheinlich auch das nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein im Kampf für einen unerhitzt sachlichen Umgang mit dem Nutzen und den Risiken von Impfungen.