Immer mehr Deutsche lassen sich tätowieren, eine geregelte medizinische Aufklärung über Risiken aber fehlt


  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Es gibt einen stetig steigenden Trend in Deutschland, sich tätowieren zu lassen. Über alle Altersgruppen hinweg hatte 2016 fast jeder Fünfte ≥ 14 Jahre mindestens ein Tattoo. Bei den 25-34jährigen ist der Trend besonders ausgeprägt: 13 % der jungen Frauen waren im Jahr 2003 tätowiert, aber bereits 44 % im Jahr 2016, bei den jungen Männern waren es 22 % (2003) und 13 Jahre später 42 %. Es fehlt eine systematische Aufklärung über Risiken wie Infektionen, Allergien und granulomatöse Fremdkörperreaktionen.

Hintergrund
In den letzten Jahren haben Tätowierungen in den westlichen Ländern und auch in Deutschland stark zugenommen. Dies wirft Fragen nach soziografischen Parametern und der Gesundheitsorientierung von Tattooträgern auf.

Design

  • Erhebung der Prävalenz von Tätowierungen anhand von 3 repräsentativen Bevölkerungsumfragen in Deutschland bei Einwohnern ≥14 Jahre
    • 2003: n = 2043
    • 2009: n = 2512
    • 2016: n = 2510.
  • Zusätzliche Erhebung soziodemografischer Parameter und der Gesundheitsorientierung von Tätowierten und Nichttätowierten

Hauptergebnisse
2016 war knapp jede/r fünfte Deutsche ≥14 Jahre tätowiert. Am häufigsten trugen junge Erwachsene zwischen 25 und 34 Jahren Tattoos.

Der deutlich zunehmende Trend zeigte sich im Zeitverlauf: So waren im Jahr 2003 „nur“ 13 % der Frauen zwischen 25 und 34 Jahren tätowiert und 22 % der Männer. Im Jahr 2016 waren es 44 % bei den Frauen und 42 % bei den Männern dieser Altersgruppe. Bei den 45-54jährigen hatten im Jahr 2003 nur 4 % ein Tattoo und 7 % der Männer. Im Jahr 2016 war die Prävalenz auf 15 und 25 % (Frauen/Männer) gestiegen.

Tätowierungen waren in allen Bildungsschichten vertreten, aber es gab eine schwache Assoziation mit einem geringeren Bildungsgrad und Erwerbslosigkeit. Mehrfach tätowierte Männer hatten eine signifikant niedrigere gesundheitsfördernde Orientierung als Männer ohne Tattoos.

Das Risiko für medizinische Komplikationen wie Allergien, Fremdkörperreaktionen und Infektionen liege nach einer Schätzung der Europäischen Kommission von 2016 bei 6 %, so die Autoren. Zwar seien die im Infektionsschutzgesetz geregelten Hygienevorschriften in Deutschland vermutlich im Allgemeinen wirksam. Das Gesetz schreibe aber keine systematische Aufklärung über Risiken und Nebenwirkungen vor in dem Sinne, dass Kunden eine informierte Zustimmung geben könnten.

In den nächsten Jahren sei weltweit mit steigenden Zahlen tattooinduzierter Hepatitis-C-Erkrankungen zu rechnen.

Klinische Bedeutung
Die hohe Prävalenz von Tattoos in der jungen deutschen Bevölkerung bei einem zugleich wenig gesundheitsfördernden Verhalten unter mehrfach tätowierten Männern sollte nach Meinung der Autoren die Diskussion darüber intensivieren, wie die medizinische Risikoaufklärung der Nutzer verbessert werden kann. Dies erfordere eventuell auch weitere gesetzliche Regulierungen für die Anbieter von Tattoos.

Finanzierung: keine Angaben