Im „Notfall“ Patienten steuern

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Zwei Kilogramm gute Ratschläge für eine „Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung“ überreicht der Sachverständigenrat (SVR) zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen am 2. Juli an das Bundesgesundheitsministerium. Anders als sonst gibt es berechtigte Hoffnung, dass einige Vorschläge schon bald in der Gesetzgebung münden.

 

 

Als mittags die sieben Experten des Sachverständigenrats vor die Bundespressekonferenz treten, formulieren die ersten Akteure im Gesundheitssystem schon ihre Pressemitteilungen dazu. Die Vorsitzenden Professoren Ferdinand Gerlach und Eberhard Wille sowie die fünf Ratsmitglieder präsentieren das über 700 Seiten umfassende Werk. Die Vorsitzenden werfen ein Schlaglicht auf zentrale Gegenstände des Gutachtens: die Notfallversorgung und die Krankenhausplanung. „Beides Themen, die die Länder betreffen“, unterstreicht Gerlach und spricht damit schon gleich das größte Hindernis für die Umsetzung an. Jedes Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung und Empfehlungen. Die Professoren haben wertvolle Daten aus dem In- und Ausland zusammengetragen. Allein deshalb ist das Werk ein Schatz, der noch nachhaltige Wellen schlagen wird. Die Gliederung zeigt, wie komplex das Nebeneinander der immer weiter ausdifferenzierten Leistungsbereiche geworden ist. In dem verwirrenden Leistungsangebot die Über-, Unter- und Fehlversorgung abzubauen und zu einer bedarfsgerechten Versorgung zu kommen, soll unter anderem durch Steuerungsmaßnahmen erreicht werden.

 

Notfälle priorisieren und Termine vergeben

Ein Fokus liegt auf der Notfallversorgung. Zur Neuorganisation in der Notfallversorgung empfehlen die Autoren, bisher getrennte Zuständigkeiten in Integrierten Notfallzentren (INZ) und Integrierten Leitstellen (ILS) zusammenzuführen. Die Idee: Niedergelassene Ärzte und Klinikärzte arbeiten unter einem Dach zusammen, mit dem Ziel, Patienten im Notfall 24 Stunden und mit hoher Qualität versorgen zu können. Die Patienten kommen an einem Tresen an, wo Fragen nach der Behandlungsbedürftigkeit geklärt werden. „Fehlanreize für eine stationäre Aufnahme gibt es nicht“, versichert Prof. Jonas Schryögg, der den Honorierungsteil in dem Gutachten übernommen hat. Ein Triage-Prozess steuert die Patienten in die richtige Versorgungsform. „Auf keinen Fall wollen wir damit neben ambulant und stationär einen dritten Sektor eröffnen, sondern die beiden Ebenen zusammenführen“, meint Gerlach. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn findet: „Gemeinsame Notfallleitstellen und Integrierte Notfallzentren sind der richtige Weg.“ Allerdings bleibt die Frage offen, wer die Federführung jeweils übernimmt. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft sieht die Sicherstellungsverantwortung bei den Ländern.

 

Krankenhäuser schließen

Ein anderes Dauerbrenner-Thema der Experten: die bessere Verzahnung von ambulanter und stationärer Planung. Der SVR plädiert bei der Honorierung für die Losung: Gleicher Preis für gleiche Leistung. In der Krankenhausplanung und -finanzierung schlägt der SVR eine Weiterentwicklung des Strukturfonds vor. „Nicht mehr nur einzelne Abteilungen müssen geschlossen werden können, sondern ganze Häuser“, meint Gerlach. Dabei soll der Bundesanteil über Steuern finanziert werden und nicht durch den Gesundheitsfonds, erläutert der stellvertretende Ratsvorsitzende Prof. Eberhard Wille. „Im Gegenzug sollte der Bund eine koordinierende Rolle erhalten. Dazu sollen ein föderaler Krankenhausentwicklungsplan erarbeitet und eine Bund-Länder-Kommission für bundeslandübergreifende Aspekte eingerichtet werden.“ Auch eine Modernisierung des Fallpauschalensystems (DRG-System) regt der Rat an. Die von den Experten vorgeschlagenen Maßnahmen seien wesentlich weitgehender als das, was der Gemeinsame Bundesausschuss mit seinem Stufenkonzept beschlossen habe.

 

Erste Reaktionen auf das Gutachten

Der Vorsitzende des Hartmannbundes, Dr. Klaus Reinhardt, würdigt das Werk als „zukunftsweisend“. Erstmals habe der Sachverständigenrat deutlich gemacht, dass der Patient ein Akteur des Gesundheitssystems sei, dessen Verhalten Auswirkungen auf die Effektivität des Systems und damit auch auf seine bestmögliche Versorgung habe. Damit sieht die Standesvertretung sich in ihrer Forderung bestätigt. „Auch wenn sich der Sachverständigenrat verständlicherweise bemühe, den Ball an dieser Stelle verbal flach zu halten“, kommentiert Reinhardt, „sei die Betonung der Notwendigkeit einer gezielteren Steuerung der Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen durch Patientinnen und Patienten ein entscheidender Paradigmenwechsel.“

Auf den gleichen Punkt hebt der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Ulrich Weigeldt, ab. Wir benötigten eine Strukturierung der Behandlungsabläufe, damit Patienten „nicht wie Flipperkugeln durch das Gesundheitssystem fliegen“.

 

Eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Gutachten findet wie immer für die Fachöffentlichkeit auf einem Symposium in Berlin statt (26. September). Erstmalig werden darüber hinaus vier Regionalkonferenzen zum Gutachten in Frankfurt am Main am 19. Oktober, Hamburg am 29. Oktober, Halle (Saale) am 14. November und Düsseldorf am 27. November angeboten.

 

 

Das Gutachten ist auf der Homepage des Rats unter www.svr-gesundheit.de abrufbar.