Hoher Anteil an Suizidversuchen bei Patienten mit COVID-assoziierten psychischen Belastungen

  • Der Nervenarzt

  • von Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die COVID-19-Pandemie ist in den Stichproben einer Universitätsklinik nicht mit einer Zunahme der absoluten Zahl von Notaufnahmen wegen psychischer Probleme einhergegangen; allerdings hat sich der Anteil psychiatrischer Diagnosen an Vorstellungen in der Notaufnahme der Klinik fast verdoppelt. Aufgefallen ist außerdem ein hoher Anteil an Suizidversuchen bei Patienten mit COVID-assoziierten psychischen Belastungen

Hintergrund

Nach mehreren Untersuchungen sind die COVID-19-Pandemie und die dadurch bedingten Einschränkungen sowie finanziellen Folgen mit einem erhöhten Risiko für psychische Störungen verbunden. Als besonders gefährdet gelten Menschen mit psychischen Vorerkrankungen. Nach einem ersten klinischen Eindruck der Psychiater der TU-München hat sich das Anforderungsprofil im Bereich psychiatrischer Notfälle während der Krise verändert („Deutsche Medizinische Wochenschrift“). Ziel der vorliegenden Studie war nach ihren Angaben „die quantifizierte Erfassung von Patienten mit und ohne psychische Erkrankungen, die sich als Notfälle während der COVID-19-Pandemie im Vergleich zum Vorjahr in der zentralen Notaufnahme vorstellten“. 

Design

Ausgewertet wurden die Vorstellungen in der zentralen Notaufnahme an der TU München seit Einführung der Ausgangsbeschränkungen in Bayern (Untersuchungszeitraum: 21.03.2020 bis 01.05.2020). Verglichen wurden die gesamte wöchentliche Zahl aller Vorstellungen und der Anteil von Fällen mit psychischer Belastung jeweils mit einem Referenzzeitraum des Vorjahres (23.03.2019 bis 03.05.2019).

In der Gruppe der ärztlich untersuchten Patienten mit ICD-10-Diagnosen verglichen die Autoren die gesamte wöchentliche Zahl der Patienten und den Anteil an psychiatrischen Hauptdiagnosen.

Zudem untersuchten die Münchener Psychiater im selben Zeitraum 2020 alle psychiatrischen Konsilanforderungen aufgrund COVID-assoziierter psychischer Belastungen im gesamten Klinikum. 

Hauptergebnisse

  • Die Zahl aller Patienten, die sich als Notfälle vorstellten, war im Untersuchungszeitraum 2020 mit insgesamt 3549 niedriger als im Vergleichszeitraum 2019 mit 4913.
  • Der Anteil der Fälle mit Hinweisen auf psychische Belastung stieg.
  • Die Gesamtzahl der ärztlich untersuchten und ICD-kodierten Patienten der Notaufnahme nahm ebenfalls im Vergleich zum Vorjahr im Trend ab (2019: n = 1846; 2020: n = 1112). 
  • Die absolute Zahl der Patienten mit einer psychiatrischen Diagnose blieb dabei im Vergleich zum Vorjahr unverändert (n = 57). Damit erhöhte sich im Jahresvergleich der Anteil an psychiatrischen ICD-Hauptdiagnosen (ICD-10: F0–6) von 3 auf 5 % signifikant.
  • Im Untersuchungszeitraum 2020 hatten 49 von insgesamt 231 psychiatrischen Konsilfällen (21 %) einen Bezug zu COVID-19 (akute Verwirrtheitszustände, Leiden unter Einsamkeit, Angst vor einer Infektion mit COVID-19, Belastung durch Ausgangsbeschränkung, Sorgen wegen sozioökonomischer Probleme infolge der Pandemie, Klagen über verschlechterte psychische Verfassung wegen reduzierter psychiatrische Versorgung).
  • Insgesamt elf von 49 Patienten mit COVID-assoziierten Problemen unternahmen einen Suizidversuch. 
  • Bei COVID-belasteten Patienten war der Anteil an Suizidversuchen mit 22 % im Vergleich zu Patienten ohne Anamnese einer COVID-Belastung (6 %) signifikant erhöht.

Klinische Bedeutung

Die Daten-Auswertung bestätigt den Zusammenhang zwischen der Pandemie und  psychischen Störungen bzw. Belastungen. Die Analyse zeigt auch die besondere Gefährdung von Patienten mit psychischen Vorerkrankungen und von Patienten mit finanziellen Sorgen infolge der Wirtschaftskrise. Bei diesen Patienten-Gruppen stellten die Psychiater ein hohes Risiko für Suizidversuche fest. Dem müsse, so ihre Forderung, „trotz der Infektionsschutzmaßnahmen mit möglichst niederschwelligen psychiatrischen und ökonomischen Hilfsangeboten Rechnung getragen werden“.

Finanzierung: keine Angaben.