Hochbetagte: mit dem Leben oft zufrieden, trotz suboptimaler Versorgung


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Die Lebenszufriedenheit von hochbetagten Menschen hängt nicht von der Zahl ihrer körperlichen Gebrechen ab. Um besser zu erfassen, was für diese Menschen erfolgreiches Altern ist, sollten psychologische Faktoren mehr als bisher berücksichtigt werden.

Hintergrund

Was bedeutet erfolgreiches Altern für sehr alte Menschen? Keine Altersgruppe wächst so stark wie die der Hochbetagten. Laut Statistischem Bundesamt lebten Ende 2016 2,25 Millionen Menschen in Deutschland, die 85 Jahre oder älter waren. Ein Jahrzehnt zuvor waren es noch 1,64 Millionen. Was für diese Menschen ein erfülltes Leben ausmacht und wie Ärzte und Pflegekräfte dazu beitragen können, hat Daniela Jopp, Professorin für Psychologie an der Universität Lausanne wissenschaftlich untersucht. Ihre Erkenntnisse dazu wird sie in ihrem Keynote-Vortrag mit dem Titel „Erfolgreiches Altern bei Hundertjährigen“ auf dem Jahreskongress der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) vortragen (Universität Köln, 6. September 2018,10:45 bis 11:30 Uhr).

Hauptergebnisse

In einer Studie mit Hundertjährigen aus Heidelberg haben Jopp und ihre Kollegen keinen einzigen Teilnehmer gefunden, der nicht mindestens eine chronische Erkrankung aufwies. Im Durchschnitt litten die Hundertjährigen unter fünf Krankheiten. „Die Lebenszufriedenheit dieser Menschen hängt jedoch nicht von der Zahl ihrer Krankheiten ab, sondern vor allem von einem positiven Blick auf die Zukunft, vom Zusammenleben mit anderen Menschen und davon, ob sie glauben, noch selbstständig handeln zu können“, so Jopp. „Die allermeisten Hundertjährigen sind mit ihrem Leben zufrieden oder sogar sehr zufrieden.“

In einer aktuellen Untersuchung hat Daniela Jopp gezeigt, dass gleichzeitige Hör- und Sehbeeinträchtigungen Hochbetagte stark belasten und das Risiko für Depressionen deutlich erhöhen.

Während es vielen Älteren zunächst schwer fällt, ihre gewohnten Alltagstätigkeiten aufzugeben, wenn ihre Kräfte nachlassen, entwickeln Hochbetagte mit der Zeit jedoch positive Strategien, um damit umzugehen. Joop: „Sie lernen zu akzeptieren, dass sie manches nicht mehr schaffen, was ihnen früher leicht gelang. Das ist eine Stärke sehr alter Menschen, die zu ihrer Zufriedenheit beiträgt.“

Klinische Bedeutung

Die reduzierten Erwartungen, die sehr alte Menschen an ihr Leben stellen, könnten dazu führen, dass sie nicht optimal medizinisch versorgt werden. „In unserer Studie berichteten fast 30 Prozent der Hundertjährigen, dass sie oft oder ständig Schmerzen haben. Das finde ich nicht akzeptabel“, betont Jopp. Ob dieser hohe Wert daran liege, dass Hochbetagte glauben, ihre Schmerzen aushalten zu müssen, oder ob sie bei ihren Ärzten nicht ausreichend Gehör fänden, müsse geklärt werden. Auf jeden Fall sollten Ärzte für die hohe Prävalenz von Schmerzen bei sehr alten Menschen sensibilisiert sein.

Aufgrund der enormen Bedeutung der Sinne Sehen und Hören sollte mehr als vermutlich üblich bei sehr alten Menschen geprüft werden, ob ein neues Hörgerät oder eine neu Brille notwendig sind. Hier sind Angehörige, Pflegekräfte und Ärzte gefordert.