Hochaktive MS: Stammzelltransplantation verringert die Behinderung


  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

In einer offenen randomisierten Studie verbesserte sich bei Patienten mit hochaktiver Multipler Sklerose (MS) der Grad der Behinderung nach einer myeloablativen Stammzelltransplantation binnen eines Jahres um etwa einen Punkt aus der EDSS-Skala, während er sich unter den damals gebräuchlichen krankheitsmodifizierenden Therapien um 0,6 Punkte verschlechterte.

Hintergrund

Zwar stehen zur Behandlung der schubförmigen Multiplen Sklerose (MS) mehrere Therapien zur Verfügung, die den Krankheitsverlauf modifizieren und das Auftreten klinischer Anzeichen bei einigen Patienten über längere Zeit unterdrücken können (Disease modifying therapies, DMT). Diese bieten allerdings keine Chance auf Heilung, sie müssen langfristig gegeben werden und können mit ihren Nebenwirkungen die Lebensqualität massiv beeinträchtigen oder gar lebensbedrohliche Komplikationen hervorrufen. Einige dieser Nachteile hofft man mit einem zytoreduktiven Ansatz zu überwinden, bei dem die Toleranz des Immunsystems durch die Transplantation autologer hämatopoietischer Stammzellen wiederhergestellt werden soll. In ersten prospektiven Studien mit zumeist jüngeren Patienten mit aggressiver MS erreichte man nach einer einmaligen Transplantation eine langfristige Krankheitskontrolle, sodass in der aktuellen Studie die beiden Ansätze bei ausgewählten Patienten direkt miteinander verglichen wurden.

Design

110 Patienten (2/3 weiblich, Durchschnittsalter 36 Jahre) mit relapsierend-remittierender MS, die unter einer DMT im Vorjahr mindestens 2 Schübe erlitten hatten, wurden randomisiert auf entweder eine hämatopoietische Stammzelltransplantation mit Cyclophosphamid und Antithymozytenglobulin oder eine DMT mit höherer Wirksamkeit bzw. eine andere Klasse als der vorherigen. Primäres Studienziel war die Krankheitsprogression, die definiert wurde als ein Anstieg auf der Expanded Disability Status-Skala (EDSS) um mindestens einen Punkt nach mindestens einem Jahr, die bei zwei Evaluationen im Abstand von 6 Monaten bestätigt werden musste.

Hauptergebnisse

  • Von 110 Patienten verblieben 103 in der Studie. Nach dem ersten Jahr konnten 98 Patienten evaluiert werden und 23 jährlich für 5 Jahre, was einem medianen Follow-Up von 2 Jahren entspricht und einem Durchschnitt von 2,8 Jahren.
  • Nach der Stammzelltransplantation erlitten 3 Patienten eine Krankheitsprogression, in der DMT-Gruppe waren es 34.
  • Die mediane Zeit bis zur Progression konnte für die Stammzellgruppe wegen einer zu geringen Zahl an Ereignissen nicht berechnet werden, in der DMT-Gruppe waren es 24 Monate.
  • Während des ersten Jahres verbesserten sich die EDSS-Werte bei den Transplantations-Patienten von 3,38 auf 2,36, während sie sich in der DMT-Gruppe von 3,31 auf 3,98 verschlechterten.
  • Es gab keine Todesfälle, und unter den  Transplantations-Patienten gab es mit Ausnahme hämatopoietischer Nebenwirkungen keine Nebenwirkungen mit Schweregrad 4.

Klinische Bedeutung

Die Autoren bezeichnen die Ergebnisse als vorläufig und betonen, dass eine Replikation der Ergebnisse ebenso notwendig wäre wie eine längere Beobachtungszeit zur Beurteilung von Wirksamkeit und Sicherheit. Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Unterschiede zwischen den Gruppen jedoch äußerst beeindruckend. Einschränkend weist der Kommentator Harold Atkins (Ottawa) darauf hin, dass im Vergleich zum Studienzeitraum heute wirksamere DMT verfügbar sind, doch würde die aktuelle Studie trotzdem eine Rolle der Stammzelltransplantation in erfahrenen Zentren für Patienten mit hochaktiver MS unterstützen.

Finanzierung: Familie Danhakl, Cumming Foundation, McNamara Purcell Foundation, Morgan Stanley, und National Institute for Health Research Sheffield Clinical Research Facility.