HIV und Schwangerschaft: Laut EKSG-Empfehlung sind unter optimalen Bedingungen eine natürliche Geburt und Stillen möglich


  • Dr. Stefanie Reinberger
  • Medizinische Nachrichten
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.
  • Die eidgenössische Kommission für sexuelle Gesundheit (EKSG) veröffentlicht eine moderne Empfehlung, um bei HIV-positiven Schwangeren eine Übertragung auf das Kind zu verhindern (1).

  • Während der gesamten Schwangerschaft wird eine antiretrovirale Therapie dringend empfohlen, möglichst mit Substanzen, zu denen langjährige Erfahrungen bei Schwangeren vorliegen.

  • Bei regelmäßiger Überwachung der Behandlung und einer Viruslast von weniger als 50 Kopien/ml, wird eine vaginale Geburt empfohlen, solange aus geburtsmedizinischer Sicht keine Kontraindikationen vorliegen.

  • Bei geringem Übertragungsrisiko wird keine neonatale Postexpositionsprophylaxe (nPEP) empfohlen.

  • Bei diesen Frauen kann, sofern sie einen starken Wunsch danach haben, sogar das Stillen in Erwägung gezogen werden.

 

Hintergrund

Als einer der größten Erfolgen bei der Bekämpfung der HIV-Pandemie gilt, dass die Übertragung von Mutter zu Kind durch geeignete Präventionsmaßnahmen praktisch vollständig verhindert werden kann. Neben konsequenter antiretroviraler Therapie und Überwachung der Schwangeren enthalten die derzeit gängigen Empfehlungen die Entbindung durch geplante Sectio caesarea (Kaiserschnitt), eine nPEP für das Kind mit Zidovudin (AZT) oder Nevirapin (NVP) sowie auf Stillen zu verzichten. Da sich bei geeigneter und konsequenter antiretroviraler Therapie die Viruslast auch bei Schwangeren fast vollständig unterdrücken lässt, fordert die EKSG, die Notwendigkeit der geplanten Sectio caesarea und der nPEP sowie den grundsätzlichen Verzicht auf das Stillen zu überdenken.

Kernaussagen

  • Um optimale Entscheidungen für die Versorgung zu treffen, muss unterschieden werden zwischen Frauen mit geringem Risiko für eine Mutter-Kind-Übertragung, zu denen die meisten HIV-positiven Schwangeren in der Schweiz gehören, und Frauen mit einem erhöhten Risiko.

  • Als optimales Szenario gilt, wenn die Behandlung während der Schwangerschaft regelmäßig überwacht wird. Außerdem sollte die Viruslast möglichst während der gesamten Schwangerschaft, oder mindestens bei den letzten beiden Messungen vor der Geburt (Intervall von mindesten vier Wochen, letzte Messung nach der 36. Schwangerschaftswoche) unterhalb von 50 Kopien/ml liegen.

  • Antiretrovirale Therapie wird bei allen Schwangeren empfohlen.

  • Bei Frauen mit optimalen Voraussetzungen wird eine vaginale Geburt empfohlen, sofern aus geburtsmedizinischer Sicht keine Kontraindikationen vorliegen. Geburtshilfliche Massnahmen sollten nach denselben Grundsätzen vorgenommen werden wie bei Frauen ohne HIV-Infektion. Es gibt keine Hinweise auf zusätzliche Risiken durch operativ-vaginale Entbindung (2).

  • Bei Schwangeren mit erhöhtem Risiko für eine Mutter-Kind-Übertragung wird eine Sectio caesarea vor dem Blasensprung während der 38. oder 39. Schwangerschaftswoche empfohlen.

  • Bei Frauen mit geringem Risiko wird in der Schweiz seit 2016 auf nPEP verzichtet. Grund ist unter anderem eine klar messbare Toxizität der nPEP mit Zidovudin (AZT). Diese Empfehlung weicht derzeit von den Richtlinien aller anderen Länder ab.

  • Bei erhöhtem Risiko für eine Mutter-Kind-Übertragung wird in den ersten Lebenswochen eine Behandlung mit AZT in Kombination mit Lamivudin (3TC) und Nevirapin (NVP) empfohlen. Als Alternative, etwa bei mütterlicher NVP-Resistenz, kommt außerdem Raltegavir (RGV) in Frage.

  • Die EKSG weist darauf hin, dass sie in der Literatur keinen Fall einer Mutter-Kind-Übertragung über die Muttermilch finden konnte, sofern die Kriterien eines optimalen Szenarios gegeben waren. Sie geht davon aus, dass das Risiko für eine Übertragung durch Stillen in diesen Fällen äußerst gering ist. Trotzdem sollte das Stillen nicht aktiv empfohlen werden, bis mehr zuverlässige Daten zur Verfügung stehen. Bei starkem Stillwunsch und nach sorgfältigem Abwiegen von Nutzen und Risiko, sollte der Wunsch zu stillen respektiert und unterstützt werden.

  • Besteht ein erhöhtes Risiko, sollte dringend vom Stillen abgeraten werden.