HIV-Risiko: Wenn medikamentöse Prophylaxe zunimmt, sinkt der Kondomgebrauch


  • Nicola Siegmund Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Wenn Männer, die Sex mit Männern haben, eine medikamentöse HIV-Präexpositionsprophylaxe (PreP) anwenden, nimmt der Gebrauch von Kondomen ab.

Hintergrund
Eine vergleichsweise neue Form der HIV-Infektionsprophylaxe sind Medikamentenkombinationen (Emtricitabin/Tenofovir), die bei erhöhtem Infektionsrisiko prophyklaktisch angewendet werden (PreP). Eine wichtige Frage ist, ob sich mit der Einnahme von PreP-Medikamenten der Gebrauch von Kondomen verändert. Metaanalysen früherer randomisierter Studien gaben keinen Hinweis darauf, allerdings wussten die Teilnehmer der Studien nicht, ob sie PreP oder Placebo erhielten. Die Frage nach einem möglichen Zusammenhang hat ein deutsch-australisches Forscherteam untersucht (1). Im Befragungszeitraum zwischen 2013 und 2017 wurde die Anwendung der PreP in Australiens Großstädten häufiger.

Design

  • Auswertung von Daten einer periodischen Befragung von bisexuellen und homosexuellen Männern in Melboune und Sydney
  • Befragungszeitraum: Januar 2013-März 2017
  • Zahl der Befragten: 27.011 Männer mit komplett ausgefüllten Fragebögen
  • Alter der Teilnehmer: mindestens 16 Jahre
  • Einschluss in die Studie: 16.827 Männer, die angaben, in den vergangenen 6 Monaten Gelegenheitssex gehabt zu haben

Hauptergebnisse
Zwischen 2013 und 2017 nahm der Anteil der HIV-negativen Männer, die Sex mit Gelegenheitspartnern hatten und eine PreP verwendeten, in den Communites von Sydney und Melbourne von 1 % auf 5 % zu. Unter diesen Männern nahm der Anteil derer, die sich zusätzlich mit Kondomen schützten, von 46 % im Jahr 2013 auf 31 % im Jahr 2017 ab.

Klinische Bedeutung
Für Deutschland wird geschätzt, dass Ende 2016 mehr als 88.400 Menschen mit HIV lebten, davon > 12.700 ohne Diagnose (2). Knapp zwei Drittel (63 %) sind Männer, die Sex mit Männern haben. Menschen mit hohem HIV-Infektionsrisiko können sich durch PreP vergleichbar effektiv vor einer Ansteckung mit HIV schützen wie mit Kondomen, wenn sie die Tabletten regelmäßig einnehmen. Auch in Deutschland ist die PreP möglich, seit Oktober 2017 auch mit Generika, die die Anwender zwischen 50 und 70 Euro pro Monat kosten. Circa 4.500 Menschen nehmen Schätzungen zu Folge in Deutschland PreP-Medikamente ein. Die Zahl könnte künftig weiter ansteigen, wenn die PreP in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen würde, wie es der Bundesgesundheitsminister befürwortet. Die Analysen zweier großer australischer Kohorten haben ergeben, dass bei vermehrter Einnahme prophylaktischer Medikamente allerdings die Anwendung von Kondomen seltener wird. Diesen Zusammenhang gelte es, mit zu erwägen, wenn die Anwendung von PreP gefördert werden sollte, so die Autoren der Studie.

Finanzierung: Förderm ittel der australischen Regierung