HIV-Präexpositionsprophylaxe: Ein Teil der Männer wird unvorsichtiger und infiziert sich mit anderen Erregern


  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Bei Männern, die homo- oder bisexuelle Kontakte haben , steigt die Wahrscheinlichkeit, sich mit sexuell übertragbaren bakteriellen Erkrankungen (STI) wie Chlamydien und Gonorrhoe zu infizieren, wenn sie eine HIV-Pr äexpositionsprophylaxe (HIV-PrEP) beginnen. Ein Anstieg der STI-Inzidenz wird schon nach 1 Jahr PrEP erkennbar. PrEP-Nutzer sollten daher mindestens alle 3 Monate au f STI getestet und vor der Einnahme von PrEP-Medika menten ausführlich ärztlich beraten werden, so die Autoren .

Hintergrund

Die orale HIV-Präexpositionsprophylaxe für nicht HIV-infizierte Risikopersonen ist eine von mehreren Wegen, der Ausbreitung von HIV entgegenzuwirken. Die Kombination Emtricitabin/Tenofovirdiproxil schützt - zuverlässig eingenommen - mindestens zu 90 % vor einer Ansteckung mit HIV, nicht aber vor anderen sexuell übertragbaren Erkrankungen. Die Effektivität der HIV- und der PrEP-Medikation kann allerdings auch das Risikoverhalten ändern. Bei PrEP hatten frühere Analysen zweier großer australischer Kohorten ergeben, dass nun seltener Kondomen benutzt wurden. Die Frage einer Netzwerkanalyse war deshalb, ob sich die Rate anderer sexuell übertragbarer Krankheiten nach Beginn der PrEP erhöht (1).

Design

  •  Analyse der Kohorte aus einem Netzwerk von HIV-Schwerpunktpraxen und -ambulanzen zur Surveillance sexuell übertragbarer Erkrankungen im australischen Bundestsstaat Victoria (ACCESS)
  • 4.275 Teilnehmer erhielten eine HIV-PrEP mit täglich Emtricitabin/Tenofovirdiproxil und wurden mindestens 1 Mal pro Quartal sowohl klinisch untersucht, als auch auf HIV und andere STI getestet
  • von 2.892 Teilnehmern lagen komplette Daten vor, bei 1 378 Teilnehmern auch aus der Zeit vor PrEP

Hauptergebnisse

Bei einem durchschnittlichen Follow-up von 13,2 Monaten wurden 2.928 STI bei 1.427 Teilnehmern festgestellt (48 % der Gesamtgruppe). Davon waren 1.434 Chlamydieninfektionen, 1.242 Gonorrhoe und 252 Syphilis. Auf 25 % der Teilnehmer entfielen 76 % der STI-Neuinfektionen. Risikofaktoren waren jüngeres Alter, eine höhere Anzahl an Geschlechtspartnern, Gruppensex und kein Kondomgebrauch. Nach Adjustierung der Daten für die Testhäufigkeit wurde in der Gruppe, bei der ein Vergleich 1 Jahr vor und 1 Jahr nach Beginn der PrEP-Nutzung möglich war, eine Zunahme des STI-Risikos um 21 % festgestellt, für Chlamydien zum Beispiel um 38 % und Gonorrhoe um 11 %. Das Risiko für Syphilis hatte um 7 % abgenommen.

Klinische Bedeutung

Bei Männern, die homo- oder bisexuelle Kontakte haben und Medikamente zur HIV-Präexpositionsprophylaxe einnehmen, steigt die Wahrscheinlichkeit, sich mit sexuell übertragbaren bakteriellen Erkrankungen zu infizieren. Dies gilt vor allem für Neisseria gonorrhoeae und Chlamydien. Diese STI wiederum können sich ungünstig auswirken für HIV-negative Personen mit erhöhter HIV-Exposition, aber auch für Menschen mit HIV. Die Autoren sehen, zumindest für bestimmte Subgruppen von PrEP-Nutzern, einen erhöhten Bedarf an ärztlicher Aufklärung und an Testungen auf STI.

Auch in Deutschland ist die PreP möglich, seit Oktober 2017 auch mit Generika. Schätzungen zufolge gibt es derzeit circa 4.500 PrEP-Nutzer und circa 86.000 HIV-Infizierte (2017; [2]). Die Zahl der PrEP-Anwender könnte steigen, wenn die HIV-PrEP nicht nur auf Privatrezept verschrieben werden kann, sondern in den Leistungskatalog gesetzlicher Krankenkassen aufgenommen wird. Eine entsprechende gesetzliche Regelung ist verabschiedet und soll am 1. Mai in Kraft treten. Nach Inkrafttreten haben die Kassenärztliche Bundesvereinigung und der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen 3 Monate Zeit, die Details der Umsetzung zu verhandeln.

Finanzierung: öffentliche Mittel