HIV: Deutsch-Österreichische Leitlinien empfehlen orale medikamentöse Präexpositionsprophylaxe für besonders gefährdete Personen


  • Dr. Stefanie Reinberger
  • Medizinische Nachrichten
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  • Nach wie vor gibt es keine Impfung, die vor einer HIV-Infektion schützt.

  • Zu den wichtigsten Prophylaxemethoden gehören daher weiterhin das Verwenden von Kondomen sowie das Vermeiden risikobehafteter Sexualpraktiken.

  • Eine orale Präexpositionsprophylaxe (PrEP) wird für besonders gefährdete Personengruppen empfohlen.

Hintergrund

Eine HIV-Infektion ist nach wie vor nicht heilbar und potenziell tödlich, sofern sie unbehandelt bleibt. Eine wirksame Impfung gegen HIV existiert nicht und ist auch nicht in Sicht. Die bislang wirksamste getestete HIV-Vakzine bot gerade mal einen Schutzeffekt von rund 30 Prozent. Trotzdem kann man sich durch geeignete Maßnahmen vor einer Infektion schützen. Da HIV in Deutschland vorwiegend über sexuellen Kontakt übertragen wird, kommt dem Verwenden von Barrieremethoden wie Kondomen beim Geschlechtsverkehr sowie dem Vermeiden risikobehafteter Sexualpraktiken eine entscheidende Rolle bei der Prophylaxe zu. Die ersten Deutsch-Österreichischen Leitlinien zur Präexpositionsprophylaxe (1) empfehlen zudem eine orale PrEP für besonders gefährdete Personengruppen. Diese ist in Deutschland seit Oktober 2016 zugelassen.

Hauptpunkte

  • Zur PrEP soll das orale Kombinationspräparat Emtricitabin/Tenofovirdisoproxil (TDF/FTC) eingesetzt werden. Die Gabe erfolgt einmal täglich. Eine intermittierende, anlassbezogene Einnahme ist außerhalb der Zulassung (off label use) im Einzelfall denkbar.

  • Medikamentöse PrEP wird insbesondere empfohlen bei Männern, die Sex mit Männern haben, sowie bei Transgender-Personen, sofern diese Personengruppen angeben, dass sie innerhalb der letzten drei bis sechs Monate kondomlosen Analsex hatten oder sehr wahrscheinlich künftig praktizieren werden, oder wenn sie in den letzten 12 Monaten an sexuell übertragbaren Erkrankungen gelitten haben.

  • Empfohlen wird die PrEP außerdem für Paare, bei denen ein Partner HIV-positiv ist und keine antiretroviralen Medikamente einnimmt oder am Anfang der antiretroviralen Therapie steht und noch eine hohe Viruslast aufweist.

  • Während die WHO eine PrEP auch für Prostituierte, injizierende Drogenkonsumenten und Inhaftierte vorsieht, weicht die deutsch-österreichische Empfehlung an dieser Stelle ab. So sehen beide Länder PrEP bei Prostituieren nicht als grundsätzlich erforderlich an, bei Drogenkonsumenten wird die Situation als unklar betrachtet. Dennoch besteht ein Konsens, dass bei jeder Person, die nach einer PrEP fragt, eine individuelle Risikoeinschätzung vorgenommen und das Medikament gegebenenfalls verschrieben werden sollte.

  • Bei Schwangeren, die bereits eine PrEP einnehmen, sehen die Leitlinien vor, dass die Gabe nach sorgfältiger Nutzen-Risikoabwägung unverändert fortgeführt werden sollte.

  • Unklar ist bislang, ab welchem Zeitpunkt der Einnahme der PrEP ein Schutz besteht. Derzeit wird angenommen, dass ein ausreichender Schutz an der Kolorektalschleimhaut ab Tag zwei, an der Vaginalschleimhaut ab Tag 7 besteht. Die Leitlinie empfiehlt, Anwender darüber zu informieren, dass der Schutz verzögert einsetzt.

  • Ungeklärt ist außerdem, wie lange die PrEP nach einer möglichen HIV-Exposition fortgeführt werden muss. Die Leitlinie spricht in diesem Punkt daher keine Empfehlung aus.

Klinische Relevanz

Von einer PrEP für Hochrisikogruppen versprechen sich die Autoren der Leitlinie einen Rückgang der HIV-Neuinfektionen (2,3). Studien zufolge reduziert sich das relative Transmissionsrisiko unter korrekt angewandter PrEP um 86 Prozent. Ein vollständiger Schutz besteht jedoch nicht.