Hilfen für die Helfer in der COVID-Krise

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Um es gleich vorweg zu sagen: Was Ärzte, Krankenschwestern und alle anderen „systemrelevanten“ Gesundheitsfachkräfte jetzt vor allem brauchen, sind Schutzkleidung sowie Masken - und mehr Kolleginnen und Kollegen, damit sie sich ausreichend ausruhen können. 

Genügen wird das jedoch nicht. Denn allein schon die Bilder aus Kliniken in Italien und New York lassen verspüren, wie groß die psychische Belastung der Krankenschwestern, Pfleger, Ärztinnen und Ärzte ist, die nicht allein immer mehr Patienten mit COVID-19 versorgen müssen, sondern auch damit klar kommen sollen, dass ein nicht unerheblicher Teil ihrer Patienten stirbt - und zwar nicht, weil sie ihnen medizinisch nicht mehr helfen könnten, sondern weil der Mangel an Intensivbetten und Beatmungsgeräten dazu führt, dass selektiert wird, indem die Regeln der aus der Militärmedizin des 18. Jahrhunderts herrührenden Triage angewendet werden. Was dies bedeutet, geht unter anderem aus den Handlungsempfehlungen hervor, die kürzlich medizinische Fachgesellschaften  und die Akademie für Ethik in der Medizin vorgelegt haben. Darin heißt es: „Wenn die Ressourcen nicht ausreichen, muss unausweichlich entschieden werden, welche intensivpflichtigen Patienten akut-/intensivmedizinisch behandelt werden und welche nicht oder nicht mehr.“

Die psychische Belastung durch solche Dilemma-Situationen kann dabei so groß werden, dass die Pflegekräfte und Ärzte selbst krank werden können. So könnten sie etwa Angststörungen, Depression oder Traumafolgestörungen entwickeln, wie bereits Beobachtungen beim letzten SARS-Ausbruch in China gezeigt hätten, berichten Dr. Moritz Bruno Petzold (Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Campus Charité) und Kollegen. 

Belastet werden die Gesundheitsfachkräfte ausser durch allgemeine Stressoren auch durch „pandemiespezifische Stressoren“, erläutern die Psychiater. Zu diesen pandemiespezifischen Stressoren zählen ihren Angaben zufolge beispielsweise: 

  • das Risiko, sich und andere zu infizieren, 
  • die Fehlinterpretation von Symptomen anderer Erkrankungen als Symptome einer Covid-19-Erkrankung mit resultierenden Ängsten, infiziert zu sein, 
  • die Sorge um Familienangehörige und Kinder, die zuhause allein sind
  • die Sorge vor Verschlechterungen der physischen und psychischen Gesundheit bei Gesundheitsfachkräften, die Vorerkrankungen oder Risikofaktoren haben. 
Zusätzlich seien Gesundheitsfachkräfte spezifischen weiteren Stressoren während der Pandemie ausgesetzt. Dazu zählen etwa:
  • das Erfahren von Stigmatisierung, die Menschen, die mit an Covid-19 erkrankten Patientinnen arbeiten, entgegengebracht wird 
  • strikte Sicherheitsmaßnahmen wie das Tragen von Schutzkleidung, die dauerhafte Notwendigkeit von Konzentration und Wachsamkeit sowie stark regulierte Verfahrensanweisungen, die Spontanität und Autonomie einschränken, und die Reduktion körperlicher Berührungen, 
  • höhere berufliche Belastungen
  • reduzierte soziale Unterstützung infolge langer Arbeitszeiten und Stigmatisierung
  • reduzierte Selbstfürsorge infolge Zeit- und Energiemangel, 
  • unzureichende Informationen über die Konsequenzen einer längerfristigen Exposition gegenüber Covid-19- infizierter Patientinnen, 
  • Sorgen, die eigene Familie und Bezugspersonen mit Covid-19 anstecken zu können.

Ebenso wie bei anderen Menschen ist, wie die Psychiater weiter erläutern, auch bei Gesundheitsfachkräften mit unter anderem folgenden Reaktionen zu rechnen:

  • Angst, zu erkranken oder zu sterben, 
  • Angst vor sozialer Isolation, wenn man mit der Erkrankung in Verbindung gebracht wird, 
  • Gefühle von Hilflosigkeit, Bezugspersonen nicht beschützen zu können und Sorgen, dass Bezugspersonen versterben könnten, 
  • Angst vor Trennung von Bezugspersonen infolge von Isolations- oder Quarantänemaßnahmen, 
  • Gefühle von Hilflosigkeit, Langeweile und depressive Symptome infolge von Isolation oder Quarantäne. 

Vor diesem Hintergrund haben internationale Organisationen wie die WHO und das Inter-Agency Standing Committee (IASC) der Vereinten Nationen erste Empfehlungen zur Reduktion der psychischen Belastung bei Gesundheitsfachkräften während der aktuellen Pandemie veröffentlicht. Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie,
Psychosomatik und Nervenheilkunde hat (für die Gesamtbevölkerung) einige Empfehlungen für die seelische Gesundheit  veröffentlicht. 

Schande und Betrug

Die Situation, da besteht sicher Einigkeit, ist für Gesundheitsfachkräfte eine enorme physische, psychische und eben auch moralische Belastung. Erschwert wird diese Situation noch durch den schon angesprochenen Mangel an notwendigen Ressourcen, was insbesondere für wohlhabende Länder nur als Schande bezeichnet werden kann. Dies gilt offenbar vor allem für die USA. Professor  Eric J. Topol , Chefredakteur von Medscape, hat für die fast unglaubliche Situation in den USA deutliche Worte gefunden: „Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass die USA völlig unvorbereitet und derart unterversorgt mit den erforderlichen Ressourcen in eine solche Pandemie hineinrutschen. Ärzte und Pflegende, die ihre Bedenken geäußert haben, werden auch noch von den Behörden geknebelt und mundtot gemacht, und wenn sie ihre Stimme erheben, müssen sie mit Benachteiligungen und sogar Entlassungen rechnen."

Topols Fazit: „Der Umgang mit der COVID-19-Pandemie in den USA wird in die Geschichte des Landes als die schlimmste Katastrophe in der medizinischen Versorgung eingehen. Der Verlust an Menschenleben wird 9/11 und viele andere Katastrophen weit hinter sich lassen. Vielleicht wird uns Medizinern dabei am stärksten in Erinnerung bleiben, wie der Staat uns verraten hat, als die Menschen uns am meisten brauchten."