Herzinfarkt-Symptome: Frauen zögern beim Hilferuf mehr als Männer


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Frauen mit den klinischen Symptomen eines Herzinfarktes rufen später als Männer einen Notarzt. 

Hintergrund

Seit mehreren Jahren wird über Unterschiede der Geschlechter bei kardiovaskulären Erkrankungen, Diagnostik, Therapie und Prognose diskutiert. Im Fokus stehen dabei oft Unterschiede beim frischen Myokardinfarkt. Frauen haben teilweise andere Symptome und sind beim Auftreten des Infarktes im Durchschnitt mehrere Jahre älter Männer. 

Wie bei jedem Notfall spielt auch beim frischen Infarkt die Zeit, die bis zur Therapie vergeht, eine prognostisch überaus wichtige Rolle, wobei Männer und Frauen gleichermaßen von der Therapie profitieren. In den vergangenen Jahren sind einige Strategien entwickelt worden, mit denen die Zeit zwischen Symptombeginn bei einem Infarkt und Therapie reduziert werden soll. In der vorliegenden Studie haben Schweizer Kardiologen geprüft, ob dies gelungen ist.

Design

Retrospektive Analyse der Daten von 4360 Patienten (967 Frauen und 3393 Männer), die zwischen 2000 und 2016 wegen eines ST-Hebungsinfarktes im zweitgrößten PCI-Zentrum der Schweiz (Triemli-Klinik) behandelt wurden. Untersucht wurde, wie viel Zeit zwischen Symptombeginn und Kontaktaufnahme mit einer Klinik, einem Notdienst oder einem Hausarzt verging, außerdem die Zeit, die danach bis zur Revaskularisierung verstrich.

Hauptergebnisse

Innerhalb der 16-jährigen Beobachtungsphase nahm bei den Männern die Zeit etwas ab, die zwischen Symptombeginn und Kontaktaufnahme mit einem Notdienst verstrich. Bei Frauen hingegen blieb sie konstant. Im Mittel warteten Frauen 37 Minuten länger als Männer, bis sie sich um medizinische Hilfe bemühten. 

Die Zeit, die nach der Kontaktaufnahme bis zur Revaskularisierung verging, nahm bei Männern und Frauen gleichermaßen ab. Frauen und Männer wurden also gleich schnell medizinisch versorgt. 

Aufgrund der Verzögerung bis zur Kontaktaufnahme dauerte es bei den Frauen bis zur Revaskularisierung jedoch über 20 Minuten länger als bei den Männern.

Klinische Bedeutung

Die Autoren führen die verzögerte Hilfesuche der Frauen darauf zurück, dass sie ihre Symptome als weniger schwerwiegend einschätzen als Männer. Diese Erklärung ist nicht neu und kann zudem noch weiter differenziert werden. So ergab eine 2017 publizierte Studie deutscher Kardiologen, dass ältere, über 65-jährige Frauen am längsten warten, bis sie nach Auftreten der ersten Symptome eines Herzinfarkts in eine Klinik-Notaufnahme kommen. „Der Unterschied zwischen älteren Frauen und allen anderen von uns untersuchten Gruppen, nämlich jüngeren Frauen unter 65 Jahren sowie Männern über und unter 65 Jahren, ist eklatant“, so Professor Karl-Heinz Ladwig, einer der beteiligten Studienautoren („American Journal of Cardiology“). 

Gründe für die langen Entscheidungszeiten sahen Ladwig und seine Kollegen im psychologischen Bereich, unter anderem in einer „Bescheidenheit“ der Betroffenen, die in diesem Fall völlig unangebracht ist: „Das wird schon wieder besser, da muss ich doch jetzt nicht den Notarzt rufen. Was sollen die Nachbarn denken, wenn der Krankenwagen vorfährt und dann doch nichts war?“ Solche Gedanken seien wohl gerade bei älteren Frauen häufig und führten zu den gefährlichen Verzögerungen, mutmaßten die Wissenschaftler. 

Eine zwingende Schlussfolgerung aus den Ergebnissen dieser und der aktuellen Schweizer Studie ist, die Aufklärung der Bevölkerung über die vielfältigen Symptome eines Herzinfarktes und die notwendigen Schritte weiter zu verstärken, mit einem besonderen Fokus auf Frauen. Bei Herzinfarkt-Verdacht sei Scheu vor dem Notruf 112 nicht angebracht, Zögern könne lebensgefährlich und eben auch tödlich sein, betonten seit Jahren schon und immer wieder die Experten der Deutschen Herzstiftung. „Zögern Patienten bei Herzinfarkt oder akuten Brustschmerzen zu lange mit dem Notruf 112, riskieren sie ihr Leben“, warnt der Kardiologe Prof. Dr. med. Thomas Voigtländer, stv. Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung. „In dieser Verzögerung liegt die Gefahr, dass der Patient plötzlich Herzkammerflimmern bekommen, ohnmächtig werden und in wenigen Minuten am Plötzlichen Herztod versterben kann.“ Ebenso kann durch den Infarkt ein größerer Teil des Herzmuskels irreparabel zerstört werden und der Patient entwickelt dadurch akut oder auch langfristig eine Herzschwäche. „Beim Herzinfarkt zählt deshalb jede Minute nach dem Prinzip: Zeit ist Herzmuskel.“ 

Finanzierung: Die Autoren erhielten für ihre Studie nach eigenen Angaben keine finanzielle Förderung.