Herzinfarkt-Prävention: Plädoyer für mehr Berücksichtigung sozial Benachteiligter


  • Thomas Kron
  • Medizinische Nachrichten
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Kernbotschaften

Bei kardiovaskulären Präventionsprogrammen sollte ein Fokus auch auf sozial Benachteiligte gerichtet werden. Die Präventionsmedizin müsse „viel gezielter auf Unterschiede im Gesundheitsverhalten der Bevölkerung, darunter auch soziale Aspekte wie Bildung und Arbeitslosigkeit, eingehen“, heißt es in einer Mitteilung der Deutschen Herzstiftung. „Vorbeugung richtet sich an Kinder, Jugendliche und Erwachsene aller Altersgruppen aus unterschiedlichen sozialen Milieus – das sind herzgesunde wie chronisch herzkranke Menschen, deren Lebensqualität und Prognose wir durch immer bessere Therapien, aber eben auch durch viel mehr flächendeckende Prävention verbessern und erhalten müssen“, so Prof. Dr. Rainer Hambrecht vom Wissenschaftlichen Beirat der Deutschen Herzstiftung und Chefarzt für Kardiologie am Klinikum Links der Weser in Bremen anlässlich der Vorstellung des „Deutschen Herzberichts“.

Mehr Raucher und Übergewichtige in sozial benachteiligten Stadtgebieten

Jährlich kommt es zu über 218.000 Klinikeinweisungen wegen Herzinfarkten in Deutschland, rund 49.000 Menschen sterben daran. Hinzu kommen die Koronare Herzkrankheit mit über 73.000 Sterbefällen (ohne Herzinfarkt) und die Herzschwäche mit über 40.000 Gestorbenen. Die durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachten Kosten in der EU beziffern Wissenschaftler nach Schätzungen mit 210 Mrd. Euro pro Jahr. Untersuchungen des von Hambrecht geleiteten Bremer Herzinfarkt-Registers („STEMI-Register“) mit über 3.400 Herzinfarkt-Patienten in der Region Bremen und dem umliegenden Niedersachsen haben gezeigt, dass Herzinfarkt-Patienten je nach Alter und sozioökonomischem Status unterschiedlich mit den Möglichkeiten der lebensstilbedingten Senkung von Herzinfarkt-Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel oder Übergewicht umgehen.

„Raucher und stark übergewichtige Personen mit einem erhöhten Herzinfarkt-Risiko und Herzinfarkt-Patienten waren häufiger in sozial benachteiligten als in besser gestellten Stadtgebieten anzutreffen“, so Hambrecht. Diese Häufung von Infarkten sei zudem ausgeprägter bei den jüngeren unter 50-jährigen Personen in den sozial benachteiligten Stadtteilen anzutreffen gewesen. Auch in der Fünf-Jahres-Langzeit-Prognose zeigten sich schwerwiegende Herz-Kreislauf-Komplikationen wie Herzinfarkt und Schlaganfall stärker in diesen Stadtgebieten. 

Arme sterben nach Myokardinfarkt früher als  Wohlhabende

Armut sei auch in Deutschland ein Herz-Kreislauf-Risiko, berichtete erst kürzlich Privatdozent Dr. Thomas Lampert vom Robert-Koch-Institut. So erleiden nach Angaben des Berliner Wissenschaftlers Menschen aus sozial benachteiligten Verhältnissen zwei- bis dreimal häufiger einen Herzinfarkt oder Schlaganfall als Menschen, die unter besseren Bedingungen leben. Trotz weitgehend gleicher Behandlung im Krankenhaus erholten sie sich schlechter. „So verkürzt ein Herzinfarkt das Leben der Betroffenen in ärmeren Bevölkerungsschichten durchschnittlich um rund fünf Jahre. Patienten mit höherem Einkommen verlieren nur etwa dreieinhalb Jahre“, so Thomas Lambert. Eine wesentliche Rolle in der Genese von Herzinfarkten und Schlaganfällen bei Menschen mit geringem sozioökonomischen Status spielen unter anderem soziale Stressoren. Diese können auch schon im Kindes- und Jugendalter auftreten und langfristige Auswirkungen haben.

Besser eingestellte Risikofaktoren, mehr Individualisierung

Die Daten zum Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und kardiovaskulären Erkrankungen sprechen für „Präventionskonzepte, die auf sozial benachteiligte Personen und ,Brennpunkt‘-Stadtteile fokussieren, um die Herzinfarkt-Erkrankungshäufigkeit und -Sterblichkeit zu senken“, heißt es im Herzbericht. Darüber hinaus plädieren die Kardiologen für eine bessere Kontrolle und Einstellung der kardiovaskulären Risikofaktoren bei KHK-Patienten und für eine langfristige intensive und individualisierte Prävention erneuter kardialer Komplikationen, da die Rehabilitation bei Herz-Patienten meist nicht nachhaltig genug sei.