Harte Erziehung und Missbrauch in der Kindheit sollen 45 % des antisozialen Verhaltens erklären


  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Eine Querschnittsstudie kanadischer Autoren bestätigt anhand US-amerikanischer Daten die Assoziation zwischen einer gewaltsamen Erziehung und Kindesmissbrauch einerseits und der Entwicklung einer antisozialen Persönlichkeitsstörung andererseits. Laut Hochrechnung der Autoren könnten diese negativen Erfahrungen für etwa 45 % des antisozialen Verhaltens verantwortlich sein.

Hintergrund

Um asoziale Verhaltensweisen bei Kindern durch Präventionsmaßnahmen vermeiden zu können, müssen die Ursachen erforscht und zunächst Assoziationen mit adversen Kindheitserfahrungen erfasst werden.

Design

Querschnittsstudie anhand Daten für 36309 nicht institutionalisierte US-Amerikaner ab 18 Jahren, die aus der 3. Welle des National Survey on Alcohol and Related Conditions gewonnen wurden. Die Teilnehmer wurden gefragt: “Wie oft hat ein Elternteil oder anderer Erwachsener sie vor ihrem 18 Lebensjahr gestoßen, gepackt, gerempelt, geohrfeigt oder geschlagen?“ Als Antwortmöglichkeiten waren niemals, fast nie, manchmal, ziemlich oft und sehr oft vorgegeben, und diejenigen Versuchsteilnehmer, die „manchmal“ oder öfter zu Protokoll gaben, wurden unter „harter körperlicher Erziehung“ eingestuft.  Weiterhin wurden verschiedene Arten von Missbrauch abgefragt (z.B. körperlich, definiert durch blaue Flecken oder Verletzungen, oder sexuell mit intimen Berührungen bis zum Geschlechtsverkehr). Dem wurde die Diagnose für eine Antisoziale Persönlichkeitsstörung gemäß DSM-5-Kriterien gegenübergestellt.

Hauptergebnisse

  • Das Durchschnittsalter der Studienteilnehmer betrug 46,5 Jahre, die Prävalenz für eine harte körperliche Erziehung 18,1 % und für Kindesmissbrauch 46,7 %.
  • Keines der beiden Kriterien erfüllten 50,67 % der Männer und 51,54 % der Frauen, wobei der Anteil gewaltfrei erzogener Personen unter den Jüngeren tendenziell höher war. Außerdem korrelierte eine gewaltfreie Erziehung sowohl mit dem Haushaltseinkommen als auch mit einem höheren Bildungsabschluss.
  • Sowohl eine harte körperliche Erziehung als auch Missbrauch waren mit einem höheren Risiko assoziiert, als Erwachsene eine antisoziale Persönlichkeitsstörung zu entwickeln. Waren beide Kriterien erfüllt, so war das Erkrankungsrisiko nochmals höher. Die adjustierten Regressionskoeffizienten ß betrugen für die 3 Szenarios 0,62; 0,65 und 1,46.
  • Laut den Berechnungen der Autoren sollen diese Kindheitserfahrungen in den USA für 45,5 % des antisozialen Verhaltens bei Männern verantwortlich sein, und bei Frauen für 47,3 %.

Klinische Bedeutung

Bis zu 80 % der US-amerikanischen Kinder wurden bis zum Beginn des Kindergartens schon einmal übers Knie gelegt, und dies ist nicht die erste Studie, die eine Assoziation zwischen harten Erziehungsmaßnahmen und späterem antisozialen Verhalten aufzeigt. Zusätzlich wird hier nahegelegt, dass die Folgen für Männer und Frauen ähnlich sind. Präventionsstrategien müssten auch gegen das grobe Anpacken von Kindern gerichtet sein, schreiben die Autoren und sind dabei im Einklang mit einer aktuellen Stellungnahme der American Academy of Pediatrics. Ein landesweites Gesetz zur Ächtung von Gewalt in der Erziehung, wie es in Deutschland seit dem Jahr 2000 gilt, fordern die Experten aber nicht.

Finanzierung: Canadian Institutes for Health Research (CIHR).