Häusliche Gewalt gegen Männer: nicht selten, aber kaum beachtet

  • Dr. Angela Speth
  • Medizinische Nachrichten
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Wann ist ein Mann ein Mann? Doch bestimmt nicht dann, wenn er häusliche Gewalt erleidet, sagt jedenfalls das Rollenklischee, echte Kerle sind doch stark und können sich wehren, im schlechtesten Fall sind sie diejenigen, die in Partnerschaften als Täter agieren. Und keine Frage, die weitaus meisten Opfer sind ja tatsächlich Frauen. Dabei wird aber übersehen, dass Männer einen gar nicht so kleinen Anteil von 20% der Misshandelten ausmachen, Tendenz womöglich steigend. Hinzu kommt, dass sie ihrer Notlage besonders ausgeliefert sind. Denn vielfach haben sie die Vorurteile verinnerlicht, so dass sie sich aus Schamgefühl nicht um Hilfe bemühen; wenden sie sich trotzdem an eine Anlaufstelle, werden sie oft nicht ernst genommen. Dieses Dilemma illustrieren zwei Forscherinnen in ihrem Beitrag.[1]

Ist von häuslicher Gewalt die Rede, assoziiert man mit den Leidtragenden automatisch Frauen, da sie weniger zu Aggressionen neigen als Männer und ihnen sowieso meist körperlich unterlegen sind. Zudem hat die Frauenbewegung das Bewusstsein für Angriffe auf Frauen geschärft, so dass Beratungsstellen und Frauenhäuser eingerichtet wurden. Die polizeiliche Kriminalstatistik zu Gewalt in Partnerschaften untermauert die Notwendigkeit solcher Schutzmaßnahmen: In den knapp 147.000 Fällen, die im Jahr 2020 registriert wurden, waren 80% der Opfer weiblich, berichten die Kriminologin Dr. Barbara Horten und die Soziologin Marleen Gräber, beide vom Institut für Kriminologie der Universität Heidelberg.

Drangsalierung, Nötigung oder Abwertung

Aber das bedeutet auch: Immerhin ein Fünftel der Misshandelten waren Männer – nach Schätzungen für Deutschland mindestens eine Million, denen von ihrer Partnerin regelmäßig Gewalt zugefügt wird. Dabei könnte das Dunkelfeld groß sein, weil diese Taten von der Öffentlichkeit ignoriert werden und gerade Männer vor einer Anzeige zurückscheuen.

Am häufigsten setzen Frauen psychische Gewalt ein, etwa Beleidigungen, Erniedrigung und Kontrollen, gefolgt von körperlicher und sexueller Gewalt. Das berichten zum Beispiel die 200 befragten Männer in der Pilotstudie „Gewalt gegen Männer“ des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2004. Jedem Fünften wurde von der Partnerin aus Eifersucht der Kontakt zu Freunden oder Bekannten untersagt, jeder Sechste wurde überwacht, etwa durch Kontrolle von Post, Telefonaten oder E-Mails, oder die Täterinnen schrieben ihnen vor, was sie zu tun oder zu lassen hätten.

Darüber hinaus erlebte ein Viertel mindestens einmal körperliche Gewalt, knapp 20% wurden mindestens einmal wütend beiseite geschubst. Einige Männer wurden zu sexuellen Handlungen gedrängt, die sie nicht wollten.

Der Schutzraum Zuhause wird zum Gefängnis

Die eher wenigen Opfer, die aus dieser Notlage herauszukommen versuchen, stoßen auf Barrieren, wie eine Onlinebefragung aus dem Jahr 2021 zeigt. Die 147 Teilnehmer, vorwiegend aus Großbritannien, waren im Mittel 47 Jahre alt, 104 berichteten von wiederholten Übergriffen, zum Beispiel An-den-Haaren-Ziehen, Kratzen, Beißen, Verbrennen mit einer Zigarette, Die-Treppe-Hinunterstoßen, Schlägen oder Messerattacken.

Als Hürde bei der Hilfesuche erwies sich - wie in anderen Erhebungen - die von kulturellen Normen geprägte geschlechtsspezifische Stigmatisierung, nach der Devise: „Männern passiert das doch nicht!“ Daher schlug ihnen oft Diskriminierung entgegen, wenn sie über Verletzungen durch Frauen klagten.

So erhielten die Befragten von den Behörden oder sozialen Diensten nahezu keine Unterstützung. Vielmehr erzeugte die Konsultation Furcht vor Repressalien, die zum Beispiel das Ansehen schädigen könnten. Oder die professionellen Ansprechpartner bekundeten wenig Interesse, sondern reagierten im Gegenteil abweisend, vorwurfsvoll oder spöttisch, manchmal sogar mit Gegenanschuldigungen. Die Männer hatten also nicht das Gefühl, genauso behandelt zu werden wie weibliche Missbrauchsopfer. Auch Freunde oder Familie glaubten ihnen oft nicht.

Es fällt schwer, das Schweigen zu brechen

Die Rollenstereotype machten sich die Täterinnen zunutze, um ihre Männer vom Bemühen um Hilfe abzuhalten: Sie schüchterten sie mit der Drohung ein, dann sozusagen den Spieß umzudrehen und sie ihrerseits der Gewalt zu bezichtigen. Oder sie machten den Männern damit Angst, ihre Kinder nicht mehr sehen zu dürfen, wenn sie sich jemandem anvertrauten – eines der Motive außerdem, warum die Opfer in der missbräuchlichen Beziehung ausharrten. Die Furcht vor negativen Konsequenzen wie erneuten Übergriffen hielt sie auch davon ab, das Problem mit der Urheberin zu besprechen. Einigen war zwar bewusst, dass sie sich gegen körperliche Angriffe verteidigen könnten, fühlten sich aber durch ihre Erziehung dazu außerstande.

Auch in der eigenen Persönlichkeit begründete Bedenken standen der Problemlösung im Weg. Beispielsweise verorteten die Männer die Fehler bei sich, empfanden Scham und Selbstzweifel. So wurden die psychischen Folgen der sowieso schon verhängnisvollen Situation - posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen, Ängste, soziale Isolation und Suizidgefahr – durch die erfolglose Hilfesuche noch einmal verstärkt.

Wie wichtig ein Umdenken wäre, zeigt sich nach den Worten von Horten und Gräber daran, dass einige Befragte meinten, Ohnmacht, Einsamkeit und Ausgrenzung wären gemildert, wenn es für sie kompetente Beratung gäbe. Befragte, die irgendwann doch Hilfe fanden, äußerten sich froh über die Unterstützung.

Niedrigschwelliger erster Schritt per Hotline, Chat oder Mail

Wie die Autorinnen erläutern, stehen die Befunde im Einklang mit Studien, die untersuchten, warum sexuelle Gewalt gegen Jungen so selten zur Anzeige gelangt und die gesellschaftliche Sensibilisierung folglich gering ist. Offenbar würden Jungen dazu sozialisiert, verstörende Erlebnisse zu bewältigen, etwa nach dem Motto: „Ich muss das alleine schaffen“ oder „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“. Denn sie glaubten, sie wären durch eigene Schwäche und Unmännlichkeit zum Opfer geworden.

Diese Befunde sind vor dem Hintergrund zu sehen, dass es in westlichen Ländern immerhin noch häufiger Verständnis und Hilfsangebote für misshandelte Männer gibt als anderswo. In Deutschland haben sich spezialisierte Opferhilfsorganisationen, Gewaltschutzambulanzen sowie Selbsthilfegruppen und Therapieangebote etabliert. Im Frühjahr 2020 startete zum Beispiel das „Hilfetelefon Gewalt an Männern“. Horten und Gräber schließen mit dem Plädoyer, in der Gesellschaft ein Problembewusstsein für Delikte an Männern durch Partnerinnen zu bilden.