Häufigkeit psychischer Störungen bei Mitarbeitern im Gesundheitswesen neu geschätzt

  • Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaften

Der Anteil von – überwiegend weiblichen - Mitarbeitern im englischen Gesundheitswesen, bei denen auf dem Höhepunkt der COVID-19-Pandemie psychische Probleme festgestellt wurden, war stark abhängig von der Methode der Erfassung. Bei allgemeinen Screenings mit Selbstauskunft waren es mehr als die Hälfte, in diagnostischen Interviews dagegen „nur noch“ ein Fünftel.

Hintergrund

Mitarbeiter des Gesundheitswesens stehen in der COVID-19-Pandemie quasi an vorderster Front. Die Auswirkungen auf die geistige Gesundheit beruhten aber bisher lediglich auf Selbstauskünften, aus denen die Punkt-Prävalenz häufiger psychischer Erkrankungen geschätzt wurde, schreiben die Autoren der aktuellen Untersuchung. Ihre Erhebung mit dem Schwerpunkt auf der Posttraumatischen Belastungsstörung stützt sich daher auf diagnostische Interviews.

Design

Querschnittsstudie in 2 Phasen im Rahmen einer größeren, multizentrischen Untersuchung mit 23462 Angestellten des National Health Service (England). Nach Ausschluss von Teilnehmern mit fehlenden / unvollständigen Daten verblieben 6243 Individuen (76 % Frauen) mit einem Durchschnittsalter von 42 Jahren, die mit dem Instrument Clinical Interview Schedule-Revised (CIS-R) auf häufige psychische Erkrankungen untersucht wurden, sowie 94 Individuen (Durchschnittsalter 44 Jahre, 84 % Frauen), die in diagnostischen Interviews gemäß der Clinician Administered PTSD Scale for DSM-5 (CAPS-5) auf spezifisch auf eine PTSD untersucht wurden.

Ergebnisse

  • Während das Screening mit dem 12 Punkte umfassenden General Health Questionnaire (GHQ-12) mindestens eine psychische Störung bei 52,8 % der Befragten feststellte (95%-Konfidenzintervall 51,7 – 53,8), fanden sich mit dem CIS-R Prävalenzen von 14,3 % (95%-KI 10,4 – 19,2) für generalisierte Angststörungen, 13,7 % (95%-KI 10,1 – 18,3) für Depressionen, und 21,5 % (95%-KI 16,9 – 26,8) für das Vorliegen von mindestens einer dieser Erkrankungen.
  • Für das PTSD ergaben sich für das Screening mit der 6-Punkte umfassenden Post-Traumatic Stress Disorder Checkliste (PCL-6) ein Wert von 25,4 % (95%-KI 16,9 – 26,8) gemäß der CAPS-5 dagegen eine Prävalenz von 7,9 % in der untersuchten Population (95%-KI 4,0 – 15,1).

Klinische Bedeutung

Mit einfachen Screening-Tools ergaben sich in dieser Untersuchung deutlich höhere Schätzungen für die Häufigkeit psychischer Störungen, als mit diagnostischen Interviews. Letztere bilden die Realität vermutlich genauer ab als die meisten früheren Studien. Von einer Entwarnung kann dennoch keine Rede sein, denn auch mit den strengeren Kriterien wurden mehr als einem Fünftel der Mitarbeiter im (englischen) Gesundheitswesen, psychische Störungen attestiert.

Finanzierung: UK Medical Research Council; UCL/Wellcome; Rosetrees Trust; NHS England and Improvement und weitere öffentliche Einrichtungen.