Guter Nebeneffekt: Rotavirus-Impfung schützt Kinder vor der Entwicklung eines Typ-1-Diabetes


  • Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Die Rotavirus-Impfung von Säuglingen schützt einer großen Registerstudie australischer Forscher zufolge nicht nur vor schwerer Gastroenteritis, sondern auch vor der Entwicklung von Typ-1-Diabetes. Als Ursache wird vermutet, dass ein Protein auf der Oberfläche des Virus den Autoantigenen auf Pankreaszellen ähnelt.

Hintergrund

Schon seit Längerem ist belegt, dass Infektionen mit dem Rotavirus Autoimmunreaktionen gegen Pankreaszellen auslösen können und damit die Entwicklung von Typ-1-Diabetes. Als Ursache wird eine molekulare Mimikry vermutet: Das Peptid VP7 auf der Oberfläche des Virus ähnelt Antigenepitopen auf Pankreaszellen. Eine Impfung gegen Rotaviren von Säuglingen könnte daher entweder einen ähnlichen Effekt haben wie die Infektion und die Bildung von Autoantikörpern gegen ß-Zellen ankurbeln. Oder die Impfung könnte die Produktion größerer Mengen von Autoantikörpern unterdrücken und damit der Zerstörung von ß-Zellen entgegenwirken.

Ein australisches Forscherteam hat diese Frage in einer großen Registeranalyse untersucht (1). Im Mai 2007 ist in Australien die Rotavirus-Schluckimpfung für Säuglinge ab 6 Wochen eingeführt worden.

Design

  • Register- und Fallserienanalyse der Inzidenz von Typ-1-Diabetes bei Kindern bis zu 14 Jahren
  • Zeitspannen: Jahre 2000 bis 2007 und 2008 bis 2015

Hauptergebnisse

Für den Gesamtzeitraum der 16 Jahre konnte die Inzidenz des Typ-1-Diabetes aus 66 Millionen Personenjahren (Kinder 0-14 Jahre) ausgewertet werden. Die Durchimpfungsrate wurde ab Ende 2007 auf 84 % geschätzt. Die durchschnittliche Rate der Neudiagnosen von Typ-1-Diabetes sank bei den bis zu 4-jährigen Kindern von 8,7/100 000 vor 2008 auf 7,5/100 000 ab 2008 in dieser Altersgruppe. Der Rückgang um 15 % war mit einem p-Wert von 0,04 statistisch signifikant. In den höheren Altersgruppen entwickelten sich die Neuerkrankungsraten nach 2008 ähnlich wie in den Jahren zuvor.

Klinische Bedeutung

Die Forscher vermuten, dass die Rotavirus-Impfung einen günstigen Nebeneffekt hat: Sie unterdrückt starke Autoimmunreaktionen gegen ß-Zellen des Pankreas. Unklar ist nach Meinung der Autoren, wie lang dieser zusätzliche Schutzeffekt anhält. Dies werde weiter untersucht.

Seit 2008 ist die Rotavirus-Schluckimpfung auch in Deutschland etabliert und wird seit August 2013 für alle Säuglinge ab dem Alter von 6 Wochen von der STIKO empfohlen. Die Rotavirus-Gastroenteritis war 2017 die dritthäufigste meldepflichtige Durchfallerkrankung nach der Norovirus-Gastroenteritis und der Campylobacter-Enteritis (2). Der Erkrankungsgipfel liegt in den ersten Lebensjahren. Die zum Teil erheblichen Flüssigkeitsverluste können bei jüngeren Kindern lebensbedrohlich sein. Im Jahr 2017 sind 38.251 Erkrankungen in Deutschland gemeldet worden, ein Zuwachs um 68 % im Vergleich zu 2016. Die Gründe für den Zuwachs sind unklar. Seit vielen Jahren steigt außerdem die Inzidenz des Typ-1-Diabetes in westlichen Ländern inklusive Deutschland.

Finanzierung: Öffentliche Mittel und Stiftungsgelder