Gute Evidenz: Bei schwerer COVID-19-Erkrankung senken Tocilizumab plus Dexamethason die Sterblichkeit

  • medRxiv; Lancet Respir Med

  • von Dr. Nicola Siegmund-Schultze
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Bei COVID-19-Patienten, die unter stationärer Behandlung einen progredienten Krankheitsverlauf haben, senkt eine Behandlung mit dem Interleukin-6-Inhibitor Tocilizumab die Sterblichkeit, vor allem bei einer Kombination des Antikörpers mit Dexamethason. Dies ergibt die RECOVERY-Studie, eine prospektiv randomisierte Studie mit der bislang größten Teilnehmerzahl zu dieser klinischen Fragestellung. Das Studienteam schlägt vor, die Tocilizumab-Therapie international in Leitlinien mitaufzunehmen.

Hintergrund
Für COVID-19 gibt es drei typische Phasen: eine frühe Phase der Infektion mit Virusvermehrung im Mund-Rachen-Raum, bei Progredienz eine zweite Phase mit Virusreplikation in der Lunge und pneumovaskulären Symptomen und eine dritte, schwere Phase, in der systemische inflammatorische Reaktionen dominieren. Diese Hyperinflammationsphase ist assoziiert mit einem erhöhten Risiko für Multiorganschäden und tödlichem Verlauf. Bei vielen Formen eines Hyperinflammationssyndroms gilt Interleukin 6 (IL-6) als Schlüssel-Zytokin, welches systemische Entzündung und Organschädigung entscheidend ankurbelt. Bei COVID-19 wurde diese hohe pathophysiologische Bedeutung von IL-6 bislang kontrovers diskutiert (1). Auch der klinische Nutzen des Anti-IL-6-Rezeptor-Antikörpers Tocilizumab galt als nicht klar belegt. Aus der prospektiv randomisierten RECOVERY-Studie gibt es nun neue Daten.

Design

  • prospektiv randomisierte, kontrollierte, unverblindete Studie im Rahmen eines Netzwerks britischer Behandlungszentren, das verschiedene Therapiestrategien bei COVID-19 erprobt (RECOVERY)
  • 21.550 COVID-19-Patienten mit Bedarf für stationäre Therapie sind eingeschlossen worden und in einer ersten Studienphase in verschiedene Behandlungsarme wie Dexamethason, Colchicin, Rekonvaleszentenplasma und Aspirin randomisiert worden, mit jeweils einem Kontrollarm (Standardtherapie)
  • 4.116 Patienten aus dieser ersten Phase sind - vor allem wegen unzureichenden Ansprechens – ein zweites Mal randomisiert worden in
    • eine Gruppe mit Tocilizumab in einer Dosierung von 400-800 mg angepasst an das Körpergewicht (Einzelinfusion über 60 Min i.v.; n = 2022) und
    • einen Kontrollarm mit Standardtherapie (n = 2094)
  • Merkmale der Teilnehmer:
    • durchschnittlich 63,6 Jahre alt
    • Sauerstoffsättigung
    • CRP ≥ 75 mg/L, median:143 mg/L.
  • Primärer Endpunkt: Sterblichkeit jeglicher Ursache 28 Tage nach Randomisierung

Hauptergebnisse

  • 82 % aller Teilnehmer erhielten Dexamethason und ein noch höherer Anteil, nämlich 97 %, waren es in der Untergruppe der Patienten, die nach Bekanntwerden der positiven Ergebnisse zu Dexamethason im Juni 2021 in die zweite Studienphase rekrutiert wurden.
  • 596 von 2022 Patienten der Tocilizumab-Gruppe (29%) starben im Zeitraum von 28 Tagen nach Randomisierung und 694 von 2094 (33 %) im Kontrollarm (Rate Ratio [RR]: 0,86). Dieser Unterschied war mit einem p-Wert von 0,0066 hoch signifikant.
  • Die Chance, innerhalb von 28 Tagen lebend aus dem Krankenhaus entlassen werden zu können, betrug 1,22 (RR) in der Tocilizumab-Gruppe im Vergleich zur Standardtherapie.
  • Signifikant reduziert waren unter Tocilizumab außerdem die Zahl der Krankenhaustage bis zur Entlassung (20 Tage vs. > 28 Tage), die Erfordernis einer Hämodialyse (RR: 0,75; p = 0,02) und die Notwendigkeit einer invasiven Beatmung (RR: 0,85; p = 0,07).

Klinische Bedeutung
Der Nutzen des Anti-IL-6-Rezeptor-Antikörpers wird von den Autoren als klinisch relevant bewertet, gerade auch in Kombination mit Dexamethason. Er bestehe in einer Senkung der Sterblichkeit, des Bedarfs an Hämodialyse und der invasiven Beatmung. Die Vorteile seien konsistent über alle Studienuntergruppen hinweg gewesen. Die Leitlinien sollten international entsprechend angepasst werden.

Finanzierung: öffentliche Mittel