Grundstein für Adipositas wird im Kleinkindalter gelegt

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  • von Karl-Heinz Patzer
  • Medizinische Nachrichten
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Schon die ersten Lebensjahre sind entscheidend für die Entwicklung von Übergewicht und Adipositas im Alter. Dies ist das Ergebnis einer Datenanalyse aus dem Leipziger CrescNet Register.  Die Wahrscheinlichkeit, dass adipöse Dreijährige zu einem Normalgewicht in der Jugend zurückkehren, liegt bei nur 10 Prozent.

Hintergrund

67 Prozent der erwachsenen Männer und 53 Prozent der Frauen in Deutschland sind laut Robert-Koch-Institut übergewichtig, davon wiederum fast ein Viertel adipös. Sowohl Übergewicht wie Adipositas sind Mitverursacher für viele Beschwerden und können die Entwicklung chronischer Krankheiten wie Diabetes oder Herzinsuffizienz begünstigen. Der Grundstein für Übergewicht im Alter wird schon in der frühen Kindheit gelegt. Dies konnten nun Forscher der Leipziger Universitätsmedizin in einer großen Längsschnittstudie nachweisen.

Design

In der Untersuchung analysierten die Mediziner um Studienleiterin Antje Körner, Professorin für Pädiatrische Forschung an der Universität Leipzig, die Daten zum Gewichtsverlauf von 51.505 Kindern aus dem CrescNet Register im Alter von 0 und 18 Jahren. Das bundesweite Register ist ein langjähriges Kompetenznetz von Kinder- und Jugendärzten zur kontinuierlichen und langfristigen Beobachtung des Wachstums und der Gewichtsentwicklung bei Kindern in Deutschland. Hinzugezogen wurden zudem die Daten aus dem Leipziger LIFE Child-Projekt, einer Langzeitstudie zum Einfluss von Umweltfaktoren und Lebensgewohnheiten auf die Gesundheit von Kindern, in die inzwischen 650 Schwangere und 3.700 Kinder mit ihren Eltern eingeschlossen sind.

Hauptergebnisse

Die retro- und prospektiven Analysen aus dem CrescNet-Register zeigten: Noch bevor ein Kind in die Schule geht, wird der Grundstein für Übergewicht und Adipositas gelegt. Die meisten Jugendlichen mit Normalgewicht waren auch während ihrer frühen Kindheit stets normalgewichtig. Etwa die Hälfte (53 Prozent) der übergewichtigen Jugendlichen waren bereits ab einem Alter von 5 Jahren übergewichtig oder adipös und ihr BMI stieg mit zunehmendem Alter weiter. Die Chancen für Kinder, die im Alter von zwei Jahren adipös waren, später zu einem Normalgewicht zurückzukehren, liegen gerade einmal bei 50:50. Bei dreijährigen Kindern mit Adipositas liegen sie nur noch bei knapp zehn Prozent. Das heißt: Rund 90 Prozent dieser Kinder waren auch als Jugendliche übergewichtig oder adipös. Bei diesen Jugendlichen erfolgte der stärkste Gewichtszuwachs im Kleinkindalter von zwei bis sechs Jahren. Auch danach stieg der BMI weiter stetig an, wodurch sich das Ausmaß der Adipositas weiter Jahr für Jahr verschlimmerte.

Die Daten der LIFE Child-Studie belegten zudem die Bedeutung von Geburtsgewicht und Gewicht der Mutter auf das Adipositas-Risiko im Kindes- und Jugendalter. So hatte fast die Hälfte der Babys (43,7 Prozent), die zur Geburt sehr groß und schwer waren, einen höheren BMI in ihrer Kindheit und Jugend. Demgegenüber entwickelten weniger als 30 Prozent der Kinder mit normalem oder niedrigem Geburtsgewicht Übergewicht oder Adipositas im Jugendalter. Kinder von Müttern mit Übergewicht hatten ein deutlich höheres Risiko für kindliches Übergewicht als Kinder von Müttern, die normalgewichtig waren.

Klinische Bedeutung

Jugendliche mit Übergewicht und Adipositas leiden meist auch als Erwachsene daran. Die Prävalenz von Übergewicht bei Erwachsenen liegt zwar noch höher und nicht jeder übergewichtige Erwachsene war ein übergewichtiges Kind. Doch wenn Übergewicht bereits im sehr frühen oder frühen Kindesalter einsetzt, bleibt es zuallermeist auch in der Jugend bestehen - mit allen Konsequenzen etwa für die Entwicklung von Folgeerkrankungen. Wachstum und Gewicht müssen deshalb von Kinderärzten, Erziehern und Eltern schon früh genau beobachtet werden, um Kinder mit erhöhtem Risiko zu erkennen, resümieren die Studienautoren.

Finanzielle Unterstützer

Die unabhängige Studie wurde unterstützt vom Bundesministerium für Gesundheit, vom DFG-Sonderforschungsbereich „Mechanismen der Adipositas“ (SFB 1052), vom Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrum Adipositas Erkrankungen (IFB) sowie vom Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen. Das CrescNet-Register wird finanziell gefördert von HEXAL, Novo Nordisk Pharma, Merck Serono Pharma, Lilly Deutschland, Pfizer Pharma und Ipsen Pharma.