Große Unterschiede für das Suizidrisiko bei verschiedenen neurologischen Erkrankungen

  • JAMA

  • von Michael Simm
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Aus den Registern Dänemarks hat man – bei einer medianen Nachverfolgungszeit von 24 Jahren - das Suizidrisiko für Patienten mit neurologischen Erkrankungen ermittelt. Es ist etwa doppelt so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung, jedoch gibt es zwischen verschiedenen Entitäten erhebliche Unterschiede.

Hintergrund

Neurologische Erkrankungen sind mit einem erhöhten Suizid-Risiko assoziiert. Wie groß dieses Risiko jedoch für einzelne Entitäten ist, wurde nach Angaben der Autoren bislang noch nicht ermittelt.

Design

Retrospektive, landesweite Kohortenstudie mit allen 7.300.395 Bewohnern Dänemarks über 15 Jahren, die dort zwischen 1980 und 2016 gelebt haben. Ihnen gegenübergestellt wurden 1.248.252 medizinische Kontakte wegen Kopfverletzungen, geistiger Behinderung und mehr als einem Dutzend verschiedener neurologischer Erkrankungen zwischen 1977 und 2016. Die Inzidenzraten wurden mittels Poisson-Analysen geschätzt und adjustiert für soziodemographische Charakteristika, Komorbiditäten, psychiatrische Diagnosen und selbstverletzendes Verhalten.

Ergebnisse

  • Die Studie hatte eine mediane Nachbeobachtungszeit von 23,6 Jahren, die Teilnehmer ein durchschnittliches Alter von 51,9 Jahren. Durch die mehr als 7 Millionen Teilnehmer ergab sich eine Gesamtbeobachtungszeit von über 160 Millionen Personenjahren.
  • Es wurden 35.483 Suizide verzeichnet, 77,4 % davon wurden von Männern begangen.
  • 14,7 % aller Personen, die einen Suizid begangen hatten, waren auch mit einer neurologischen Erkrankung diagnostiziert worden. Das entspricht einer Selbstmordrate von 44,0 / 100.000 Einwohnern und war damit mehr als doppelt so hoch wie bei Personen ohne neurologische Erkrankungen (20,1 / 100.000).
  • Die adjustierte Inzidenzrate (aIRR) für das Suizidrisiko mit einer neurologischen Diagnose betrug 1,8 (95%-Konfidenzintervall 1,7 – 1,8). Am höchsten war dieser Wert bei Menschen mit amyotropher Lateralsklerose (aIRR 4,9; 95%-KI 3,5 – 6,9) und Chorea Huntington (ebenfalls aIRR 4,9; 95%-KI 3,1 – 7,7). Patienten mit Multipler Sklerose hatten ein aIRR von 2,2; bei Kopfverletzungen und Epilepsie betrug dieser Wert 1,7, und bei Schlaganfällen 1,3.
  • Die kumulative Inzidenz für einen Suizid mit jeglicher neurologischer Erkrankung beträgt 0,64 % (95%-KI 0,62 – 0,66). Am niedrigsten war sie bei Morbus Alzheimer mit 0,08 %, am höchsten bei der Huntington´schen Krankheit mit 1,62 %.
  • Das Suizidrisiko war 1-3 Monate nach der neurologischen Diagnose am höchsten (aIRR 3,1; 95%-KI 2,7 – 3,6), halbierte sich aber im Zeitraum ab 10 Jahren (aIRR 1,5; 95%-KI 1,4 – 1,6).

Klinische Bedeutung

Das Suizidrisiko für Patienten mit neurologischen Diagnosen ist annähernd doppelt so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung; besonders stark erhöht ist es bei der amyotrophen Lateralsklerose und bei Chorea Huntington. Die Autoren verweisen aber zugleich darauf, dass die absolute Risikodifferenz zu Allgemeinbevölkerung klein sei.

Finanzierung: Psychiatrische Forschungsstiftung der Region Süd-Dänemark.