Große soziale Ungleichheiten beim ungedeckten medizinischen Versorgungsbedarf


  • Dr. med. Thomas Kron
  • Studien – kurz & knapp
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Kernbotschaften

Beim ungedeckten medizinischen und zahnmedizinischen Versorgungsbedarf hat sich in Deutschland in den vergangen Jahren viel verbessert. Beim Verzicht auf notwendige Untersuchungen oder Behandlungen gibt es jedoch große soziale Disparitäten: Auffallend hoch ist der ungedeckte medizinische Versorgungsbedarf in den unteren Einkommensschichten und bei Personen mit schlechter Gesundheit.

Hintergrund

Der ungedeckte medizinische Bedarf ist ein wichtiger Indikator für die Qualitätsbeurteilung eines Gesundheitssystems. Ungedeckter medizinischer Versorgungsbedarf gilt den Autoren zufolge „als die Differenz zwischen den Dienstleistungen, die als notwendig und geeignet zur Behandlung der Gesundheitsprobleme erachtet werden, und der tatsächlichen Leistungserbringung“. Seit 2005 wird, zur Ermittlung des ungedeckten Bedarfs, der EU-SILC-Survey („EU Statistics on Income and Living Conditions“) in Deutschland jährlich erhoben.

Design

Repräsentative Erhebung. Für die Analysen wurden Daten der Haushaltsbefragung LEBEN IN EUROPA (EU-SILC) verwendet, die das Statistische Bundesamt in Deutschland seit 2005 auf Basis der EU-Verordnung 1177/2003 erhebt. Im EU-SILC-Survey 2014 wurde in Deutschland eine Stichprobe von 12.744 Haushalten mit 22 .695 Personen ab 16 Jahren randomisiert gezogen und interviewt.

 Hauptergebnisse

  • Zwischen den EU-SILC-Survey-Wellen 2005 bis 2014 nahm der Bevölkerungsanteil in Deutschland, der auf notwendige medizinische oder zahnmedizinische Untersuchungen bzw. Behandlungen verzichtete, stark ab. Im EU-SILC-Survey 2014 berichteten insgesamt 8,5% der Befragten (ab 16 Jahren) entweder einen ungedeckten medizinischen Versorgungsbedarf (6,4%) oder einen zahnmedizinischen Versorgungsbedarf (3,8%). 2005 betrugen die Prozentsätze noch 16,4 und 12,5.
  • Finanzielle Gründe sind eine Hauptursache dafür, dass notwendige zahnmedizinische Untersuchungen oder Behandlungen nicht in Anspruch genommen wurden. 
  • Beim ungedeckten medizinischen Bedarf dominieren persönliche Gründe. 
  • Ein schlechter Gesundheitszustand hat den Berechnungen nach den größten Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit eines ungedeckten medizinischen oder zahnmedizinischen Versorgungsbedarfs. 
  • Höhere Einkommen und Bildungsabschlüsse sind mit geringerer Wahrscheinlichkeit für eine Nichtinanspruchnahme verbunden. 
  • Erwerbslosigkeit und Migration gehen mit einem erhöhten ungedeckten medizinischen oder zahnmedizinischen Versorgungsbedarf einher. Personen im mittleren Lebensalter sind besonders betroffen.

Klinische Bedeutung

Die Analysen weisen nach Angaben der Autoren für Deutschland im Zeitverlauf zwar auf erhebliche Verbesserungen beim ungedeckten medizinischen und zahnmedizinischen Versorgungsbedarf, aber auch auf große soziale Disparitäten hin. Es besteht demnach Handlungsbedarf. Zum Abbau sozial bedingter gesundheitlicher Ungleichheiten könnte den Autoren zufolge nicht nur die Verbesserung von Finanzierungsregelungen, sondern auch die Förderung von Gesundheitskompetenzen beitragen.

Finanzierung: keine Angaben