Gluten während der Schwangerschaft: erhöhtes Typ-1-Diabetesrisiko der Kinder

  • BMJ 2018; 362: k3547

  • von Karl-Heinz Patzer
  • Medizinische Nachrichten
Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten. Der Zugang zum gesamten Inhalt dieser Seite ist nur Angehörigen medizinischer Fachkreise vorbehalten.

Kernbotschaft

Eine aktuelle Studie vom Bartholin Institute Kopenhagen zeigt: Kinder erkranken häufiger an Typ-1-Diabetes, wenn Mütter während der Schwangerschaft viel glutenhaltige Lebensmittel konsumieren.

Hintergrund

Die Prävalenz des Typ-1-Diabetes liegt in Mitteleuropa bei etwa 0,3 Prozent, die Inzidenz in Deutschland bei 15 Fällen pro 100.000 Einwohner pro Jahr, in Skandinavien gar bei über 30. Tendenz steigend. Die genauen Ursachen liegen im Dunkeln, die meisten Kinder bilden jedoch bereits in den ersten Lebensjahren Antikörper, die später die insulin-produzierenden Betazellen zerstören. Es ist deshalb anzunehmen, dass die Autoimmunerkrankung schon im Babyalter oder bereits vor der Geburt ihren Ausgang nimmt.

In einem Tierversuch konnten Forscher vom Bartholin Institute Kopenhagen bereits vor einiger Zeit zeigen, dass Mäuse, die eigentlich an einem Typ-1-Diabetes erkranken müssten, gesund bleiben, wenn sie lebenslang glutenfrei ernährt werden. Zudem entdeckten sie in einer weiteren Tierstudie, dass die Schutzwirkung bei den Mäusen auch dann einsetzte, wenn die Muttertiere während der Schwangerschaft glutenfrei ernährt wurden. Diese Ergebnisse befeuerten die Diskussion darüber, wie schädlich das in Getreide enthaltene Gluten für die Gesundheit ist.

Design

Das dänische Forscherteam um Studienleiterin Julie Antvorsko analysierte die Daten von 63.529 Teilnehmerinnen der Danish National Birth Cohort, von denen ein 360-Punkte-Fragebogen zu ihren Essensgewohnheiten vorlag, den sie in der 25. Schwangerschaftswoche ausgefüllt hatten. Daraus wurde der jeweilige Glutengehalt ihrer Nahrung errechnet und mit späteren Typ-1-Diabetes-Erkrankungen der Kinder korreliert. Finanziell gefördert wurde die unabhängige Studie von mehreren wissenschaftlichen Stiftungen, unter anderem der Danish National Research Foundation.

Hauptergebnisse

Die Analyse ergab, dass die Kinder der Mütter mit der höchsten Glutenaufnahme (mehr als 19 Gramm pro Tag) doppelt so häufig an einem Typ-1-Diabetes erkrankten als die Kinder, deren Mütter am wenigsten Gluten (weniger als 7 Gramm täglich) zu sich genommen hatten. Die Effekte der Glutenauswirkungen waren in Stufen abbildbar: Pro 10 Gramm täglicher zusätzlicher Glutenaufnahme der Mutter stieg das Diabetesrisiko des Kindes um 31 Prozent.

Klinische Bedeutung

Der Glutenabbau durch Darmenzyme ist erschwert, so dass im Darm eine Immunreaktion ausgelöst werden könnte, die sich dann gegen die Betazellen richtet. Die dänischen Wissenschaftler vermuten, dass den Kindern eine Sensibilisierung der Mutter über die Antikörper in der Muttermilch vermittelt wird. Die ersten Lebensmonate gelten als kritisch, da der Darm des Säuglings dann von Bakterien besiedelt und sein Immunsystem dementsprechend ausgerichtet wird. Zur endgültigen Klärung dieser Hypothese sind jedoch noch weitere Studien nötig. Deshalb – so die Forscher - sollte man Schwangeren noch nicht von einer glutenreichen Ernährung abraten.