Gladiatoren-Ärzte - die „Müller-Wohlfahrts“ der römischen Antike

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Einer gewissen Beliebtheit erfreuen sich zum Jahresende und - anfang oft Rückblicke auf die vergangenen und Ausblicke auf die kommenden 12 Monate Der Kölner Altphilologe, Historiker und Mediziner Ferdinand Peter Moog hat seinen Blick in die Ferne schweifen lassen - bis in die Zeit der römischen Republik und Kaiser nämlich - wobei sein wissenschaftliches Interesse nicht den Mächtigen oder Schönen jener Zeit galt, sondern den Starken und ihren medizinischen Helfern: den Gladiatoren und vor allem ihren Ärzten. Diese Ärzte stünden bei entsprechenden Betrachtungen meist im Hintergrund, berichtet Moog. An sie erinnerten nur wenige verstreute Hinweise. Dabei könne ihr „Beitrag zur ganzheitlichen Vorbereitung der Gladiatoren auf den Einsatz nicht hoch genug bemessen werden“, so der Medizinhistoriker in der letzten Jahres-Ausgabe der „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“ , die ähnlich wie die Weihnachtsausgabe des britischen Ärzteblattes Beiträge zu Themen enthält, die zwar nicht gerade praxisrelevant sind, aber vielleicht das bieten, was sonst in medizinischen Fachzeitschriften zu kurz kommt: entspannte Unterhaltung und geistigen Genuss.

Eine wertvolle Investition

Aber nun zu den Gladiatoren und ihren Ärzten. Die Tatsache, dass die antiken Kampfsportler so wie heute Ronaldo und Co. Mannschaftsärzte hatten, mag verwundern. Aber die antiken Elite-Athleten waren ähnlich wie unsere Top-Sportler  „wertvoll“, eine Investition, so genanntes „Humankapital“, mit dem Geld zu verdienen war. Rund 1000 Denare oder 4000 Sesterze konnte der Wert eines Gladiators betragen, wie Professor Leonhard Schumacher, Althistoriker der Mainzer Universität angibt. Zur Einschätzung ein paar weitere Zahlen: Ein normaler Arbeiter in Rom verdiente damals etwa 3 oder 4 Sesterze täglich, wobei 4 Sesterze das Minimum waren, um dort  überleben zu können. Die reichsten Männer der Kaiserzeit sollen ein Jahreseinkommen von rund 20 Millionen Sesterze und ein Vermögen von bis zu 400 Millionen Sesterze besessen haben. 

Besitzer von Gladiatoren hatten daher-  nicht anders als heute die Bosse von Bayern oder Barcelona - Interesse daran, dass ihre Athleten stets topfit waren und nicht für längere Zeit arbeitsunfähig wurden. Um lange Top-Leistungen liefern zu können, hatten daher auch die Spitzen-Profis der römischen Antike bereits Ärzte und andere Therapeuten um sich, sozusagen ein Team von antiken „Müller-Wohlfahrts“. Arme Teufel waren die römischen Kampfsportler dennoch; denn ihre Lebensumstände waren auch für damalige Verhältnisse miserabel, was allerdings für die Mehrheit der Bürger des römischen Imperiums galt. Freiwillig wurde daher kaum ein junger Mann Gladiator; zumeist wurden die Kampfsportler aus der großen Schar der Sklaven, Kriminellen und Kriegsgefangenen rekrutiert. Nur in sehr seltenen Fällen schlossen sich ihnen freie Bürger an, oft „adlige“ Bankrotteure, denen beim Schlemmen Habe und Haltung darauf gegangen waren, so dass an ihnen nichts mehr vornehm war als ihre Schulden. 

Hohes Alter nicht unmöglich 

Bescheiden, wie die antiken Kampfsportler sein mussten, strebten sie auch weniger nach Gold, Facebook-Likes und Followers, sondern hauptsächlich danach, ihr erzwungene berufliche Tätigkeit halbwegs unbeschadet zu überleben. Was manchen von ihnen auch gelang. So schreibt der Althistoriker Professor Thomas Wiedemann: „Inschriften dokumentieren, dass eine beträchtliche Anzahl Männer erst nach einer mehrere Jahre andauernden Gladiatorenkarriere gestorben war - nicht notwendigerweise in der Arena.“ Grabinschriften zeigten zudem, dass es Gladiatoren gab, die Frauen und Kinder hatten und ein relativ hohes Alter erreichten. 

Überwiegend vegetarische Kost

Einen Beitrag dazu mag die vergleichsweise „gute“ Ernährung geleistet haben. Hauptnahrungsmittel der Gladiatoren war Getreide, aber sie aßen auch Bohnen, Schafskäse und gelegentlich Schweine- und Rindfleisch. Galen, selbst als Arzt in einer Gladiatorenschule praktiziert hatte, berichtete von einem Brei aus Bohnen und Gerste, Plinius der Jüngere nannte sie „Gerstenfresser“ (hordearii). Obgleich es sich bei dieser Kost nicht gerade um kullinarische Genüsse handelte, erfüllte sie doch ihren Zweck: Sie machte satt und vor allem fett. Angesagt war Speckbauch, nicht Waschbrettbauch. Aus einem simplen Grund: Mit einer dicken Speckschicht konnten Gladiatoren Stich- und Schnittwunden eher verschmerzen.

Begrenztes Wissen über die Ärzte 

Außer einer angemessenen Ernährung war eine ärztliche Betreuung der Gladiatoren unumgänglich, um - ganz kapitalistisch gedacht - Arbeitskraft und Leistungsfähigkeit zu erhalten. Hinweise auf eine medizinische Betreuung liefern archäologische Befunde, Grabinschriften etwa. So zeigt laut Thomas Wiedemann zum Beispiel das Mosaik von Zliten (Lybien) zwei mobile Liegen mit Kopfstützen, wobei die Höhe der Liegen vermuten lässt, dass sie als Tragbahren und als Operationstische benutzt werden konnten; verletzte Gladiatoren wurden offenbar ähnlich wie Fußball-Profis heute auf Bahren aus der Arena getragen, um sie sofort medizinisch behandeln zu lassen. 

Das Wissen über die Ärzte der Gladiatoren ist allerdings begrenzt, denn die Möglichkeiten der medialen Selbstdarstellung waren doch noch sehr eingeschränkt, erhaltene Biographien und Autobiographien gibt es auch nicht. Die Spuren der meisten Gladiatoren-Ärzte seien daher „vom Winde verweht“, schreibt Moog. Sogar in „Asterix bei den Gladiatoren“ herrscht großes Schweigen. 

Nur wenige Namen bekannt

Immerhin ein paar wenige Gladiatoren-Ärzte kann Moog außer dem bekannten Galen namentlich nennen: So berichten dem Medizinhistoriker zufolge drei Inschriften aus Rom, die einstmals wohl zu einer größeren Grabanlage gehörten, von einem gewissen Eutychos (griechisch: Glückspilz). Er war ein Freigelassener von Nero (54 – 68n. Chr.) und wirkte am Ludus matutinus (lat.: Morgenschule).  Seine Kollegen Claudius Agathocles und Titus Aelius Asklepiades waren ebenfalls am Ludus matutinus beschäftigt. An der Tierkämpferschule von Korinth wirkte der Arzt Trophimos. Immer wieder erwähnt wird ein Claudius Demetrius, der am Ludus magnus (lat.: Große Schule) tätig gewesen sein soll, der wichtigsten kaiserlichen Gladiatorenschule in Rom. Ein Ludus war, wie der Historiker  erläutert, eine Mischung aus Gefängnis, Trainingszentrum und Kaserne. Hier lebten die Gladiatoren und auch ihre ein Betreuer. 

Was konnten die Gladiatoren-Ärzte leisten? Auch hier ist die Quellenlage vergleichsweise dürftig, Op-Berichte und sonstige Dokumentationspflichten gab es nunmal noch nicht. Eine Vorstellung davon, was die Ärzte einer "Welt ohne Narkose und Aspirin" schon zu leisten vemochten, liefern archäologische Befunde. Von etwa 68 Individuen eines Gladiatorenfriedhofes in Ephesus hatten immerhin elf (16%) gut verheilte, vor dem Tod erlittene kraniale Verletzungen. Fünf dieser elf Gladiatoren hatten multiple Verletzungen ( „Forensic Science International“ ). Die im Gegensatz zur übrigen Bevölkerung weitaus bessere Ausheilung von Frakturen belege die hohe Kunst der Gladiatorenärzte, die laut Moog offenbar neben optimaler Wundversorgung und Ruhigstellung auch für eine intensive Rehabilitation sorgten. Und „zudem sollte ein Trunk von Knochenasche nach Kämpfen (zur Kalzium-Substitution oder aufgrund magischer Vorstellungen?) der Festigung der Knochenstruktur dienen und der Ausheilung von Knochenverletzungen Vorschub leisten“. 

Hinweise darauf, wie weit die Medizin in der damaligen Zeit schon war, liefern auch Befunde zum römischen Militär. Unter Augustus zum Beispiel hatten römische Legionen Sanitätskorps mit eigenen Militärärzten und Militärlazaretten. Zur Behandlung verfügten die Ärzte über Instrumente wie Knochenheber, Skalpelle mit auswechselbarer Klinge, Lanzetten, Zangen, Haken, Meißel, Brenneisen und Pinzetten. Alraune diente als Schmerzmittel. Zum Wundverschluss sollen Spinnennetze verwendet worden sein. Die Methoden und Heilmittel waren zwar kaum evidenzbasiert. Aber völlig ineffektiv waren sie vermutlich auch nicht. Eine schlechte medizinische Versorgung war sicher nicht die Ursache für das Ende des Gladiatoren-Spektakels.